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10.10.2018

Archivale 04/2018 - 100 Jahre Frauenwahlrecht - ein Blick auf Ratzeburg

In der Reihe „Archivale des Monats“ werden seit 2009 ausgewählte Stücke aus dem Stadtarchiv Ratzeburg vorgestellt. Ein Archivale (Plural: „Archivalien“) ist eine im Archiv aufbewahrte Unterlage. Archivalien sind Unikate (Einzelstücke), sie sind als Originale also nur einmal vorhanden.


Das Stadtarchiv Ratzeburg bewahrt neben solchen Archivalien im engeren Sinne allerdings auch andere Zeugnisse aus der Vergangenheit der Stadt auf. So befinden sich in der Archivbibliothek und im Sammlungsbestand zahlreiche interessante Stücke, die ebenfalls in dieser Reihe präsentiert werden. Ergänzt wird diese Reihe durch Beiträge geschichtsinteressierter Bürger, die eigene Bilder, Dokumente oder Erinnerungen beisteuern können.

Das Stadtarchiv Ratzeburg möchte auf diesem Wege möglichst vielen Interessierten besondere Einblicke in den Archivbestand ermöglichen und gleichzeitig, Anregungen zu eigener Beschäftigung mit der Geschichte unserer Stadt geben.

Ein über 360 Jahre altes Buch aus dem Archivbestand steht dieses Mal als "Archivale des Monats" im Fokus ...

100 Jahre Frauenwahlrecht - ein Blick auf Ratzeburg

Das Jahr 1919 war quasi ein „Super-Wahljahr“ – innerhalb weniger Wochen standen für die Weimarer Nationalversammlung (19. Januar 1919), die verfassunggebende preußische Landesversammlung (26. Januar 1919) und die kommunalen Vertretungen an. Für alle drei Wahlen besaßen die Frauen erstmals das aktive und das passive Wahlrecht. Die Wählerinnen stellten darüber hinaus eine deutliche Mehrheit der Wahlberechtigten, denn 18 Mio. wahlberechtigten Männern standen 21 Mio. wahlberechtigte Frauen gegenüber.

Auch in der „Lauenburgischen Zeitung“ (LZ), die in Ratzeburg erschien, widmeten sich einige Artikel und Kommentare diesem Novum. Die Frau im neuen Staate – Betrachtungen über das Frauenwahlrecht war der Leitartikel in der LZ am 7. Januar 1919 überschrieben. Der Autor war sich des Einflusses der Frauen bewusst: Ihre Stimmen werden ausschlaggebend für die innerpolitische Zukunft des Reiches sein. Was das politische Bewusstsein der Frauen angeht, glaubte der Verfasser des Artikels zwischen sozialdemokratisch und bürgerlich geprägten Frauen unterscheiden zu können:
Wie die Dinge nun einmal liegen, wird heute in bürgerlichen Kreisen die Frau mit dem Gatten, die Tochter mit dem Vater, die Braut mit dem Bräutigam stimmen. Was aber tut die große Masse der Alleinstehenden?“ – Der Kommentator vermutete: „Diejenige Partei, die der eigenen  Lebensauffassung am nächsten kommt, wird sich die Frau anschließen, ihren Kandidaten die Stimme geben müssen. Der Autor schließt mit der Aufforderung an alle Wählerinnen, sich eingehend zu informieren, das Wahlrecht als „Wahlpflicht“ zu verstehen und sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein.

Dass dem Wahlverhalten der Frauen erhebliches Gewicht zukommen würde, war offenbar auch den Parteien klar, die ihre Wahlkampfaufrufe stets an alle „Wählerinnen und Wähler“ oder an die „Männer und Frauen“ richten (Beispiele: Annoncen der DDP und der DVP in der Ausgabe der LZ am 1. Januar 1919).

Direkt an die „Lauenburger Frauen und jungen Mädchen in Stadt und Land“ richtete sich der Wahlaufruf der DNVP (LZ am 10. Januar 1919), in der die Partei zur Mitarbeit aufruft und den Wählerinnen einschärft, dass in ihren Händen das „Schicksal Deutschlands“ liege – „Es geht um die Zukunft Eurer Kinder!“  Um diese Aufforderung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat die Partei an den Rand den Hinweis drucken lassen „Aufbewahren! Täglich lesen!“

Die Ortsgruppe Ratzeburg des parteilosen „Deutschen Frauenbundes“ weist in ihren Flugblättern die Wählerinnen auf die Pflichten hin, die „ihnen aus der Wahl zur Nationalversammlung erwachsen“. Während der Redner der DDP (LZ am 16. Januar 1919) „freudig den Eintritt der Frauen in den Wahlkampf begrüßt“ und hofft, dass „durch ihr Mitwirken ein neues sittliches Geschlecht herangezogen werde“, weist der  SPD-Wahlkämpfer Heinrich Kürbis darauf hin, dass die anderen Parteien „allesamt noch im Januar 1918 Gegner des jetzt so schwer ins Gewicht fallenden Frauenstimmrechts gewesen“ seien (LZ am 18. Januar 1919).

In die Nationalversammlung wurden schließlich 37 Frauen (von 423 Abgeordneten) gewählt (19 MSPD, 3 USPD, 5 DDP, 6 Zentrum, 3 DNVP, 1 DVP), das sind 8,7% der Abgeordneten. Heute noch bekannte Namen sind Getrud Bäumer (DDP), Marie Juchacz (SPD, Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt) und Helene Weber (Zentrum, später CDU). Der Anteil der Frauen unter den Abgeordneten in der preußischen Landesversammlung war ähnlich: 26 von 401.

Die „Lauenburgische Zeitung“ nahm das Thema Frauenwahlrecht nach den Wahlen noch einmal auf – Unter der Titelzeile „Frauenstimmrecht überall – Wie es ward und wirkt“ konstatiert der Leitartikel, „durch die Teilnahme der Frauen an der Wahlhandlung“ hätten die Wahlen „ihr eigentliches Gepräge erhalten“. Das Frauenstimmrecht habe einen „sänftigenden, wohltätigen Einfluss auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens.“ Der Autor wirft einen Blick auf Länder, die auf eine längere Geschichte des Frauenstimmrechts zurückblicken konnten wie Wyoming (1869), Australien oder die skandinavischen Länder und schließt mit der Feststellung, dass dort das „Familienleben nicht durch politische Betätigung gelitten“ habe.

Ob sich diese Überzeugung schon verbreiten konnte, zeigt sich am besten an der politischen Betätigung in den kommunalen Vertretungen. Der bereits erwähnte „Deutsche Frauenbund“ bot am 12. Februar 1919 einen Vortragsabend zum Thema „Die Frau in der Gemeindevertretung“ an, mit der „ausgezeichneten Rednerin“ Martha Voß-Zietz (M. Voß-Zietz, 1871 in Hamburg geboren, hatte sich ursprünglich auf dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung für das Stimmrecht der Frauen engagiert, vertrat aber seit dem Ersten Weltkrieg zunehmend nationalistische Positionen und gehörte der Vaterlandspartei an. Von 1915 bis 1922 leitete sie den Verband der deutschen Hausfrauenvereine). Ein weiterer Vortrag des Frauenbundes rückte das Thema „Die Frau in Volkswirtschaft und Staat“ in den Mittelpunkt.

Die ersten Stadtverordnetenwahlen, bei denen Frauen das aktive und das passive Wahlrecht besaßen, fanden am 2. März 1919 statt. In Ratzeburg konnten sich die Wählerinnen und Wähler zwischen zwei bürgerlichen und einem sozialdemokratischen Wahlvorschlag entscheiden.

Die Sozialdemokraten hatten auf ihrer 18 Personen umfassenden Liste (“Liste Schwasta“) zwei Frauen aufgestellt, die Verkäuferin Marie Linke (Platz 2) aus der Seestraße 260 und die Ehefrau Else Böhmer (Platz 10) aus der Fischerstraße. Auf der Liste, die von Rektor Heinrich Grimm angeführt wurde, standen drei Kandidatinnen: Johanna Rohwedder, die Ehefrau des Medizinalrates Rohwedder aus der Langenbrücker Straße 161 a (Platz 2), die Pastorenfrau Auguste Stammer aus der Gr. Kreuzstr. (Platz 7) und die Lehrerin Elisabeth Dittmar aus der Bahnhofstraße (Platz 11). Die Liste des Seminarlehrers Berggreen wies nur eine Kandidatin auf, die auf dem 11. Listenplatz stand, die Ehefrau Minna Schlichting aus der Gr. Kreustr. 104. Beide bürgerlichen Listen umfassten jeweils 17 Personen.

Am Tag vor der Wahl erschien in der „Lauenburgischen Zeitung“ (1. März 1919) eine Anzeigen mit folgendem Wortlaut:
An die Frauen. Herr Seminarlehrer Berggreen hat sich mehrmals gegen das Wahlrecht der Frauen ausgesprochen, und doch ist die Mitwirkung der Frauen in der Gemeindeverwaltung geradezu unentbehrlich. Keine Frau kann daher dem Wahlvorschlag Berggreen ihre Stimme geben. Dagegen wird die Frauenmitarbeit voll gesichert nur in dem Wahlvorschlag Rektor Heinrich Grimm. Ihm gehören alle Frauenstimmen.“

Bei der Wahl wurden insgesamt 1.593 Stimmen abgegeben. Die Liste Berggreen erhielt 586 Stimmen (7 Sitze), auf die Liste Grimm entfielen 531 Stimmen (6 Sitze) und für die sozialdemokratische Liste Schwasta stimmten 476 Wählerinnen und Wähler (5 Sitze).

Von 18 Stadtverordneten waren zwei Frauen: Johanna Rohwedder und Marie Linke. Nach der Chronik der Stadt (L. Hellwig, Chronik der Stadt Ratzeburg, 2. Aufl. Ratzeburg 1929, S. 121) sind allerdings beide Frauen vor dem Ende der Wahlperiode ausgeschieden und machten „männlichen Stadtvertretern Platz“.

Die hier gezeigten Plakate entstammen einer Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Jubiläumsjahr des Frauenwahlrechtes unter dem Titel „Frauen im Aufbruch – Politische Plakate“. Sie präsentiert Werbung um die politische Beteiligung der Frauen in den drei wichtigen demokratischen politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts… 1918/19 – „Die Einführung des Frauenwahlrechts“ … 1945/49 – „Trauer und Neuanfang“ … 1989/90 „Umbruch und Verstetigung“. Allgemeine Wahlaufrufe stehen dabei neben Werbeplakaten für verschiedene Parteien und Vereinigungen, an denen sich auch die Veränderungen des Rollenbildes der Frau im letzten Jahrhundert nachvollziehen lassen.