Archivalien aus dem Stadtarchiv: 'Denkmäler in Ratzeburg'
In diesem Jahr soll sich unsere Rubrik der 'Archivale' mit "Denkmälern in Ratzeburg" beschäftigen. Denkmäler werden errichtet, um Erinnerung wach zu halten, Gedenken zu fördern, bestimmte Personen zu ehren oder historische Ereignisse und Orte besonders hervorzuheben.
Diejenigen, die ein Denkmal errichten und eine Person bzw. ein Ereignis als erinnerungswürdig erachten, heben damit oft auch eine Vorbildfunktion heraus. Da soll etwas im kollektiven Gedächtnis festgehalten werden. In der Regel erfüllen Denkmäler keinen praktischen Zweck. Anders als in einem Museum oder in einer Gedenkstätte wird Geschichte durch Denkmäler nicht erklärt.
Denkmäler haben ihren Platz im öffentlichen Raum und behaupten ihn oft weit über die Epoche hinaus, in der sie errichtet wurden. Sie werden Teil des Stadtbildes und unseres Alltags. Als Relikte früherer historischer und kultureller Gegebenheiten stellen wir sie in der Regel nicht mehr infrage. Erst wenn eine Umsetzung, eine Veränderung oder gar ein Abriss ansteht, werden Denkmäler zum Gegenstand oft hitziger Debatten. Mit einem Blick auf unsere Ratzeburger Denkmäler möchten wir die historischen Kontexte ihrer Aufstellung erläutern und erklären, wofür diese Denkmäler stehen und was wir von ihnen erfahren können.
In dieser Archivale wird das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der St. Georgsberger Kirche vorgestellt.
Archivale 08/2025 - Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der St. Georgsberger Kirche
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Der Erste Weltkrieg mit seinen „Materialschlachten“ und Stellungskämpfen, dem 17 Millionen Menschen zum Opfer fielen, war der erste industriell geprägte Krieg. In den am Krieg beteiligten Nationen gab es kaum eine größere Ortschaft, die keine Kriegstoten zu beklagen hatte. In den Jahren nach dem Krieg entstanden vielerorts Denkmäler, vor allem um der gefallenen Soldaten zu gedenken. Bis heute sind diese Gedenkstätten in unseren Dörfern und Städten zu finden. Nur wenige dieser Denkmäler fallen durch eine besondere künstlerische Gestaltung auf. Dazu gehört das Denkmal für die 71 Gefallenen aus den Dörfern des Kirchspiels St. Georgsberg. Das Denkmal wurde am 13. Mai 1923 unter Teilnahme des Krieger- und Militärvereins eingeweiht. Der ursprüngliche Aufstellungsort befand sich im Fuchswald.
Geschaffen wurde das in Kreuzform gestaltete Denkmal von dem schwäbischen Künstler Wilhelm Heilig. Weitere Kriegerdenkmäler des Künstlers sind in Kasseburg, Groß Grönau und Lütau zu finden. Auch die Ratzeburger Anlage auf dem Röpersberg und die frühere Gedenkstätte in Lauenburg / Elbe gehen auf Entwürfe Heiligs zurück. Wilhelm Hadeler beschreibt das Denkmal so:
„Die drei Felder, die Schaft und Balken bilden, werden ausgefüllt von sinnbildlichen Darstellungen des Erlebnisses ‚Weltkrieg‘, deren Gestaltung, an sich ganz modern, dennoch unmittelbar an die handwerkliche Gebundenheit frühmittelalterlicher Steinbilder anschließt. Oben am Schaft sieht man den Reichsadler mit einem pfeilgespickten Schilde, dabei die stolzen Worte ‚Viel Feind, viel Ehr‘, zur Linken eine von Kugeln zerfetzte Sturmfahne ‚Haltet aus im Sturmgebraus‘, rechts Gräber im Felde mit dem erschütternd einfachen ‚Ich hatt‘ einen Kameraden‘. Im Mittelfelde, das Schaft und Balken gemeinsam ist, stehen die Jahreszahlen, und in den Schaft ist in deutschen Buchstaben eine Inschrift eingehauen, deren wundervoll in den Raum gestellte Zeichen sagen: ‚Kämpfend für Recht und Freiheit, für Heim und Herd fielen 71 unserer Besten. Der Du, Wanderer, diese Stätte betrittst, gedenke der Toten in Ehrfurcht und Treue!"
Das Bildprogramm mit einer Sturmfahne und einem "pfeilgespickten Schild" entsprachen der Wirklichkeit des modernen Krieges ebenso wenig wie die pathetische Inschrift. Noch weniger passten die traditionellen Formen und Inhalte des Gedenkens nach dem Zweiten Weltkrieg.
So konnten die Leserinnen und Leser der "Lübecker Nachrichten" zum Volktrauertag 1967 Betrachtungen des Journalisten Christian Ferber (1919-1992) über "Denkmale für Kriegsopfer" lesen. Der Autor stellte die Frage, „ob über Gedächtnisstätten nicht neu und sehr gründlich nachgedacht werden müßte […] Der Soldat auf dem Schlachtfeld und die Frau unter dem Bombenschutt: Haben Sie nicht das gleiche Anrecht? Muß nicht der Name Hans Scholls neben dem des Ulmer Grenadiers stehen, der bei Smolensk zu Tode kam? Sind Gedenktafeln glaubwürdig, auf denen die Namen jener Bürger der Gemeinde fehlen, die in Ausschwitz verbrannten? […] Das steinerne Gedenken in unseren Tagen wird erst dann glaubwürdig sein, wenn es ihnen allen gilt.“.
In derselben Ausgabe berichtete die Zeitung über die Umsetzung des St. Georgsberger Denkmals aus dem Fuchswald auf die neugestaltete Anlage gegenüber der Kirche. Stadt und Gemeinde hatten die Kosten für die Neugestaltung nach Plänen des Garten- und Landschaftsarchitekten Chr. Wesnigk aus Lübeck übernommen.
Neue Stelen ergänzen seither das Denkmal aus den 1920er Jahren. Der Kontrast könnte kaum schärfer sein. Die Stelen tragen keinen Text, kein Bild oder Symbol – nur die Jahreszahlen der beiden Weltkriege sind darauf zu lesen. Klarer lässt sich die Sprachlosigkeit angesichts des Zweiten Weltkriegs kaum zum Ausdruck bringen.
Die Gedenkstätte liegt heute weitgehend unbeachtet dar, versteckt in der umgebenden Vegetation.
Literatur: Hadeler, Wilhelm: Wilhelm Heiligs Werke im Kreis Herzogtum Lauenburg. In: Lauenburgische Heimat, 3. Jahrgang, Heft 2, April 1927, S. 57-67.

