Für die europäischen Nationalsprachen wurden zuerst in den Kanzleien in Frankreich und England im 16. Jahrhundert Kurzschriften entwickelt, später auch in Deutschland. Bis in das 19. Jahrhundert existierten verschiedene Kurzschriftsysteme.
Das mit Abstand erfolgreichste System erfand der Münchener Ministerialsekretär Franz Xaver Gabelsberger (1789-1849), der eine „Anleitung zur Redezeichenkunst oder Stenographie“ veröffentlichte. Seine Schrift verlief wie die Schreibschrift in einheitlicher Richtung und ließ sich flüssiger schreiben als beispielsweise die winklige und eckige englische Kurzschrift.
Aus Gabelsbergers Kurzschrift und der Kurzschrift von Stolze und Schrey wurde 1924 die Deutsche Einheitskurzschrift entwickelt.
Stenographie war sowohl in den Parlamenten, als auch in den kommunalen und staatlichen Verwaltungen sowie in der sich dynamisch entwickelnden Wirtschaft des 19. Jahrhundert eine gesuchte Fähigkeit. Viele Stenographen schlossen sich zu Vereinen zusammen.
Auch in Ratzeburg gründeten sich Stenographenvereine, einer nach dem System Stolze-Schrey (Stadtarchiv Nr. 6580) und einer nach dem System Gabelsberger (Stadtarchiv Nr. 6579)
Bei den Zusammenkünften tauschte man sich nicht nur über Fachliches aus, er wurde auch gefeiert. Der Ratzeburger Verein kam am 24. September 1905 zu einem Kommers im Hotel Ratskeller am Markt zusammen und gab aus diesem Anlass ein „Amtliches Kneipblatt“ heraus, das in der Aufmachung der lokalen „Lauenburgischen Zeitung“ nachempfunden war. Auf dem Titel ist ein Porträt Franz Xaver Gabelsbergers zu sehen, daneben ist ein Gedicht von ihm abgedruckt, das seine Lebensmaxime beschreibt:
„Idee und Wort im Flug der Zeit / ans Räumliche zu binden / sucht‘ ich mit ernster Tätigkeit / ein Mittel zu ergründen / Und was ich fand, das gab ich hin / um Nutzen zu verbreiten / O, möge stets ein gleicher Sinn / Auch meine Schüler leiten.“
Neben kurzen humorvollen Mitteilungen über Vereinsmitglieder und einen Ausflug der „Musikabteilung“ in das benachbarte Einhaus, sind auch Trinklieder für den Abend zufinden, von denen die meisten aus der studentischen Tradition stammen („Ergo bibamus“, „Im schwarzen Walfisch zu Askalon“ oder „Einst hat mir mein Leibarzt geboten“),
Das Dokument, das dem Stadtarchiv aus einem privaten Nachlass überlassen wurde, ist ein Zeugnis einer lebendigen Vereinskultur, die in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg auch in Ratzeburg eine besondere Blütezeit erlebte.