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Archivale 01/2024 - "War hier nicht früher mal ... die Jugendherberge?"

Dass sich unsere Stadt ebenso wie unser Leben in einem beständigen Wandel befindet, ist fast schon ein Gemeinplatz. Unsere Lebensverhältnisse, Ansprüche und Bedürfnisse ändern sich ständig. Das wirkt sich auch auf unsere unmittelbare Umgebung aus. Wir können das in unserem Lebensumfeld betrachten. Viele Veränderungen nehmen wir nach kurzer Zeit gar nicht mehr wahr. Oft erinnern wir uns erst beim Betrachten alter Fotos an Telefonzellen, Parkuhren oder Fernsehantennen auf den Hausdächern. Ach ja, und an der Ecke gab es ja den Bäcker und daneben hat Opa immer seinen Lottoschein abgegeben.  Der Wandel zeigt sich nicht nur an den alltäglichen Dingen, er betrifft auch die "großen" Einrichtungen, auch wenn sie noch solide und unverrückbar erscheinen. Betriebe, Behörden und Institutionen fusionieren, brauchen mehr Platz oder werden überflüssig. 

Unsere Reihe "Archivale des Monats" wird sich in diesem Jahr mit Firmen, Einrichtungen und Institutionen beschäftigen, die aus dem Stadtbild verschwunden oder an einem ganz anderen Ort neu entstanden sind. Manchmal bleibt dann eine Lücke, manchmal entsteht an gleicher Stelle aber etwas völlig anderes. Nicht immer werden die Bilder- und Textquellen in unserem Archiv erschöpfend Auskunft über das geben können, was früher einmal vorhanden war. Darum bitten wir alle, die noch historische Dokumente zu unseren Themen haben oder Erinnerungen beisteuern mögen, um ihre Unterstützung. 

Archivale 01/2024 - "War hier nicht früher mal ... die Jugendherberge?

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Jugendherbergen sind eine Erscheinung des Industriezeitalters. Die zunehmende Urbanisierung löste bei zahlreichen Menschen der entstehenden Industriezentren eine neue Sehnsucht nach der „unberührten Natur“ aus. Eine Folge dieser Sehnsucht war die Jugendbewegung, die nach 1890 schrittweise zu einer Massenbewegung im Deutschen Reich entwickelte. Die Kernzelle der deutschen Jugendbewegung war der Wandervogel, der 1896 entstand.

Viele Lehrer wurden durch diese Bewegung geprägt, und so gehörten Wandertage und Wanderfahrten bald vielerorts zum schulischen Leben. Der Lehrer Richard Schirrmann entwickelte die Idee eines flächendeckenden Netzwerks von Schüler-Jugendherbergen. 1912 erfolgte die Eröffnung der ersten ständigen Jugendherberge der Welt in der Burg Altena mit Schirrmann als Herbergsvater. Die Entwicklung in den 1920er Jahren entfaltete eine atemberaubende Geschwindigkeit. 1932 gab es in Deutschland bereits 2.123 Jugendherbergen mit mehr als 4,5 Millionen Übernachtungen.

Als nach dem Ersten Weltkrieg in Ratzeburg die ersten Quartiere entstanden, handelte es sich eher um Notlösungen – über die Unterkunft auf dem Dachboden des Präparandeums (Barlachplatz 5) berichtet die Zeitung „Die Jugendherberge in der Nordmark“ im September 1921: „Ratzeburg. Nur für Mädchen. Lehrerseminar. Von April bis Oktober geöffnet. 12 Strohsacklager mit Wolldecken, Waschgelegenheit, keine Kochgelegenheit. Preis 1 Mk.“

Später wurden auch in der Stadtschule in der Schrangenstraße Räume als Jugendherberge genutzt. Befriedigend waren diese Provisorien nicht, sodass lange der Wunsch nach einer eigenen Jugendherberge bestand, deren Bau 1936 begonnen wurde. Die Eröffnung des Hauses, das auch von der Hitler-Jugend genutzt wurde, fand am 19. Juli 1937 statt.

Nach der Belegung der Jugendherberge als Lazarett im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude später durch die Besatzungstruppen in Anspruch genommen.

Kurz vor Ostern 1949 konnte die Jugendherberge Ratzeburg unter der Leitung Wilhelm Wendlings wieder in vollem Umfang eröffnet werden. Mit ihren 140 Betten, zu denen noch 40 weitere Schlafgelegenheiten traten, war sie im Bereich des Jugendherbergswerkes Nordmark nach Cuxhaven die zweitgrößte Jugendherberge. Für eine Übernachtung waren 30 Pfennige zu bezahlen, für die volle Tagesverpflegung wurden 1,90 DM berechnet.

Trotz aller Modernisierungen und Bemühungen, das Haus attraktiv zu halten, war die Jugendherberge gut 70 Jahre nach der Eröffnung in die Jahre gekommen. Ein aufwendiger Neubau entstand auf einem direkt am Ratzeburger See gelegenen Grundstück an der Reeperbahn. 2012 konnte die neue Jugendherberge eingeweiht werden.

Das alte Gebäude am Küchensee wurde im Mai 2013 abgerissen und machte Platz für eine neue Wohnanlage.


Quelle: Stadtarchiv Ratzeburg - Stadtarchviar Christian Lopau 
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