Hilfsnavigation
Volltextsuche
Seiteninhalt

Archivalen 2012

Archivale 01/2012 - Zur Geschichte der Häuser Domhof 46 und 48 von Friedrich Hanke


Der Ratzeburger Dom ist nie umgebaut worden - weil das Geld fehlte. So blieb seine ursprüngliche Schönheit und Ausstrahlung erhalten.

Geldmangel hat in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dazu geführt, dass die nördliche Umgehung auf der Ratzeburger Insel nicht gebaut wurde. So blieben einige der alten Häuser auf dem Domhof erhalten.  

Am südlichen Eingang zum Domhof, gegenüber der ehemaligen Domkaserne, steht eines der ältesten Gebäude Ratzeburgs. Es handelt sich um ein Doppelhaus, ein traufständiges eingeschossiges Einfamilienhaus mit Fachwerkaußenwänden, einem kleinen Teilkeller und einem Satteldach mit Krüppelwalm: Domhof 46. 


Eine Legende zur Karte des Domhofes von C.F. von Persson (1714) weist dieses Haus zusammen mit der nördlichen Hälfte als "Kirchenhaus" aus.

Nach der großen Zerstörung Ratzeburgs durch die Dänen, setzte auch auf dem selbständigen Domhof eine rege Bautätigkeit ein. Datiert wird das Gebäude Nr. 44/46 auf das Jahr 1696. In den folgenden über 300 Jahren erfolgten mehrere Aus - und Umbauten, die an den besonderen Merkmalen der Bauepochen erkennbar sind.  

Zum Grundstück gehört auch das Nebengebäude, Haus Nr. 48, mit dem "Heinrichstein", einem bedeutenden Kulturdenkmal aus weitgehend unbehauenem Granit mit schlichtem Kreuz und lateinischer Inschrift aus der Zeit um 1166, an der Ecke zur Kleinen Kreuzstraße. Datiert wird der Bau des Nebengebäudes auf die Zeit um 1815. 

Die Häuser Nr.46 und Nr. 48 sowie der Heinrichstein stehen unter strengem Denkmalschutz.

Man muss in so einem Gebäude wohnen wollen: Keine rechtwinklige Ecke, schiefe Decken und sichtbares Fachwerk auch im Haus. Kleine alte Möbel, die schon viele Umzüge überstanden haben, machen das Wohnen gemütlich, moderne Kistenmöbel scheitern an den krummen Wänden. 

Gebaut wurde das Gebäude Nr. 44/46 für Handwerker, Haus Nr.44 bewohnte ein Schornsteinfeger, Haus Nr. 46 ein Maurermeister. Der Verkauf des Hauses 1752 wurde von der Domkirche abgelehnt mit der Begründung: "Man muss einen Maurermeister zur Hand haben, der auf jeden Wink zu Dienste steht und es ist nützlich in gewissen Fällen einen Schornsteinfeger in der Nähe zu haben". („Müssen conventable Wohnungen haben, besonders der Maurermeister, der sich in der Stadt keiner Arbeiten zu erfreuen hat.") 

Aus politischen Gründen war es anscheinend damals wichtig, dass niemand außer der mecklenburgischen Landesherrschaft und der Domkirche über die auf dem Domhof liegenden Gründe zu bestimmen hatte. Schon in ältester Zeit galt hier der von  Wilhelm Prillwitz zitierte Grundsatz: „Lieber das Geld zinsbar leihen, als unbewegliche Güter zu verkaufen.“ 

Diese Äußerungen dokumentieren auch die geachtete Grenze zwischen der Stadt und dem selbstständigen Dombezirk. Nach heutigem Verständnis sollte man meinen, dass nach der Zerstörung Ratzeburgs 1693 auch für den Stadtbezirk jeder Maurermeister für den Wiederaufbau gebraucht wurde. Der "Domhofmaurermeister" musste sich seine Arbeit im weiteren Bistum suchen. 

Immer wieder sind es Maurermeister, die das Haus bewohnen:

Hans Medler (gest. am 19.5.1704), Michael Gaubitz (gest. am  7.6. 1718), Gabriel Dierßen (gest. am 12.10.1751), Johann Heinrich Dierßen (geb.2.6.1712), die Ehefrau des Franz Schütze (Schütt, Schutz), geb. Aue(n)(geb.28.8.1763), Johann Nicolaus Goldhorn (geb. 6.4.1795), Johann August Willers (geb. 15.12.1751, gest. am 21.10.1814), Friedrich Conrad Willers (geb.31.7.1814, gest. 1863). 

Eine wesentliche Erweiterung nach Südosten erfolgte in der Biedermeierzeit und wird um 1830 datiert. Möglicherweise erfolgte die Erweiterung, bevor der Maurermeister Friedrich Christ. Conrad Willers das Haus übernahm. 

Damals wurde das Haus zu den 4 Fächern um 2 Fächer erweitert, die Fachwerkkonstruktion weist dafür typische Veränderungen auf:


Links außen "Halber Mann", rechts durchgehende Strebe, weiterhin die Haustür mit originellem Kastenschloss und Drückergarnitur (typische Teilung der Fächer und Aufteilung des Oberlichtes in dekorativ geschwungener Versprossung), die Dielentreppe und einige Zimmertüren. Zeitgleich mit der Haustür sind die beiden einflügeligen sechsteiligen kleinen Fenster mit zum Teil klassischen Eckwinkeln eingebaut worden. Das große vierflügelige Fenster in der Straßenfront weist ebenfalls in Gestalt und Ausführung auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, wobei die Eckwinkel teilweise noch aus dem 18. Jahrhundert stammen und wie in den Zeiten üblich wiederverwendet worden sind. 

Laut eines Zeitungsartikels vom 14.9.1850 sollte das Haus unter der Hand verkauft werden. Gekauft hat es der Böter Peter Friedrich Heinrich Röper, dieser stirbt 1857.

Der Maurermeister Willers stirbt mit 55 Jahren an Schwindsucht 1863. Er ist als Eigentümer des Hauses dokumentiert. 

Die Giebelfassade mit dem Krüppelwalm dokumentiert einen weiteren Umbau in der Gründerzeit. Die sichtbaren Zeugen dafür sind das rechte Fenster, die Bretterverkleidung der südlichen Front und der straßenseitige Zaun zwischen Haus Nr. 46 und 48  mit den geschwungenen Verzierungen sowie die wieder eingebauten Kachelöfen in Form und Verzierung. Die ebenfalls aus der Gründerzeit  stammende Veranda ist erhalten und steht als einseitig offenes Gartenhaus auf dem Grundstück. 

Der nächste Besitzer des Grundstückes war der Schuhmachermeister August Hacker. Dieser hat das Haus Nr. 48 als Werkstatt genutzt. Die Witwe Sophie Hacker bewohnte die Haushälfte mit ihren Söhnen. Diese suchten sich aber neue Arbeitsstellen in Hamburg als Elektrotechniker und Schumacher.

August Theodor Hacker starb 1927, 62 Jahre alt. 

Am 23.1.1933 wurde der Rentner Martin Jennerjahn im Grundbuch eingetragen. Von dieser Familie übernimmt Frau Dr. Gabriele Kjer die Häuser und das Grundstück 1986 mit allen Möbeln und sonstigem Inhalt. Weder unter dem Kopfkissen noch in den Schränken wird der vermutete Sparstrumpf der Witwe Jennerjahn gefunden. Zur Sanierung werden die drei Kachelöfen abgebaut und siehe da, auf dem Kachelofen im Wohnzimmer unter einer losen Kachel finden die Ofenbauer die lang gesuchte Schatulle mit beträchtlichem Inhalt. 

 


Von 1986 bis 1988 dauert die gründliche Sanierung der Haushälfte Nr.46. Unter ständiger Begleitung durch die Denkmalpflege wird das Haus saniert. Alle bautechnischen Details werden wieder verwendet, als da sind: Fenster, Türen, Treppe und Fußböden. Die einzige Veränderung ist die Dachgaube auf der Straßenseite. Nicht sicher einzuordnen ist der kleine Keller, möglicherweise handelt es sich um einen Keller der die Zerstörung von Ratzeburg 1693 überstanden hat und in den Neubau 1696 integriert worden ist. Der mächtige Birnbaum zwischen den Gebäuden ist 2008 abgestorben und musste aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht gefällt werden.


Kjers haben mit ihren Kindern das Haus nur kurz bewohnt, weil sie sich beruflich verändern mussten. 

Ein ruhiger Sonntagnachmittag lenkte meinen Blick 1990 zufällig auf die Verkaufsanzeige in den Lübecker Nachrichten. Nach etwas komplizierten Verhandlungen wurden wir uns schließlich einig und wir kauften das Anwesen. 

Zu sanieren war noch das Haus Nr. 48 am Heinrichstein. Eine letzte Möglichkeit, Gelder zur Sanierung zu bekommen, musste sofort genutzt und zügig mit der Arbeit begonnen werden, denn in den folgenden Jahren wurden alle öffentlichen Gelder für Sanierungen in den neuen Bundesländern dringender benötigt.



Die Denkmalpflegebehörde war jederzeit behilflich und dank nachbarschaftlicher Hilfe aus dem Dienstsitz Brunsmark ging die Sanierung gut voran. Wesentliche Vorgabe war die Erhaltung des Stallcharakters im Gebäude, lange war es als Stall und Werkstatt genutzt. Mit dem Kauf durch die Familie Jennerjahn war es zu Wohnzwecken isoliert worden. 


Bei der Entkernung im Obergeschoss, fanden wir auf einem zur Wärmedämmung verwendeten Pappkarton das Datum 1. Juni 1933 deutlich sichtbar. Mit vielen Blauköpfen (kleine Nägel mit flachem Kopf) waren Persilkartons unter die Decke genagelt worden.

Über eine extra Luke auf der östlichen Rückseite erreichte man von außen den kleinen Boden für Futtervorräte und Stroh. Außerdem beherbergte dieser Teil des Hauses den ziemlich luftigen "Donnerbalken" für beide Häuser und einen Hühnerstall. Die Hühnerflöhe spürten schnell die animalische Wärme und überfielen freudig die Entkernungsmannschaft. Mehrere Jahre hatten sie auf  diesen Moment gewartet. 

Vor dem Zweiten Weltkrieg, während des Krieges und vor allem in den ersten Jahren nach dem Krieg beherbergte das Haus Familien mit mehreren Kindern. Am 1. September1954 eröffnete der in Ratzeburg bekannte Architekt Reinhard Hein sein erstes Büro in dem Gebäude.

Bei der Übernahme war eine äußerst primitive Ferienwohnung eingerichtet.

Nicht bekannt ist, warum im Erdgeschoss Eichenholz und im Obergeschoss Nadelholz für das Fachwerk verwendet worden ist. In einer Zwischenwand fand sich im Erdgeschoss ein Eichenbalken aus einer Zweitverwendung, der durch das Dendrochronologische Institut der Universität Hamburg auf das Jahr 1787 (Fälljahr im Walde) datiert wurde.


Alle roten S-förmigen Tondachpfannen wurden wieder verwendet. Einzelne Dachziegel hatten an den Zapfen Prägungen der Herstellerziegeleien ( SP - Sankt Petri, ME - Mecklenburg). Eine Firstpfanne war deutlich als Feierabendpfanne des Ziegelmeisters gekennzeichnet. Diese hängt zur Dekoration im Flur des kleinen Hauses. Die Außentüren auf der Rückseite sind mit originalen Schlössern und Beschlägen erhalten. 


Ein besonderer Fund im Garten war eine etwa einen Meter hohe Rokoko- Schmuckurne aus Oberkirchener Sandstein mit den Initialen AF IV (Adolf  Friedrich IV.). Etwas ungläubig folgte mir der damalige Museumsdirektor Dr. Hans-Georg Kaack. Er bestätigte dann aber, dass es sich bei den etwas verschlungenen Buchstaben um die Initialen von Fritz Reuters " Durchläuchting " handelt, der auch das Herrenhaus auf dem Domhof hat bauen lassen. Da sich auch der Fuß der Urne bei den Pflasterarbeiten im Garten fand, konnten beide Teile zusammengefügt werden und verschönern heute den Garten zwischen beiden Häusern. Gab es früher ein Eingangstor zum Domhof, auf dessen Pfosten die Urne gestanden haben könnte?

Der Eingang ins Haus war lange nur von der Rückseite möglich, daher trug es die Nummer Nr. 48. Heute befindet sich der Eingang auf der Seite zur Kleinen Kreuzstraße.

Haus Nr.46 bewohnen wir selbst. Haus Nr. 48 beherbergte zunächst Büro des Architekten Dr. Braun, dann mehrere Jahre eine Ferienwohnung und jetzt ist es eine Mietwohnung. 

Das Wohnen auf dem Domhof ist etwas Besonderes. Fast selbstverständlich wird man von der Ausstrahlung des Domes angezogen. Der Flair der Jahrhunderte währenden speziellen Verwaltung, die der Domhof als mecklenburgische Enklave hatte, wird deutlich durch die im Straßenpflaster eingelassenen großen Grenzsteine mit dem Kreuz. Auch das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 hat dies nicht restlos überwinden können. Nach der Vereinigung der Kirchenkreise, die für das Frühjahr 2012 vorgesehen ist, wird wohl die Sonderstellung des bis jetzt noch zur mecklenburgischen Landeskirche gehörenden Domes verloren gehen. 

Literatur und Quellen: 

Braun, Frank / Mai, Klaus: Modernisierungsgutachten der Häuser von 1986 und 1990

Finke, Manfred / Knüppel, Robert / Mai, Klaus: Historische Häuser in Lübeck. Lübeck 1989

Jennerjahn: Nachlassakten 

Kaack, Hans-Georg: Ratzeburg - Geschichte einer Inselstadt. Neumünster 1987

Kiesow, Gottfried: Kulturgeschichte sehen lernen. 2001

Prillwitz, Wilhelm: Unveröffentlichte Aufzeichnungen zur Stadtgeschichte (Stadtarchiv Ratzeburg)

Schmidt, Peter: Unveröffentlichte Aufzeichnungen

 
Zum Seitenanfang (nach oben)