Archivalen 2018
Archivale 01/2018 - Die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Ratzeburg
Glücklicherweise finden immer wieder interessante Dokumente ihren Weg in unser Stadtarchiv, sei es aus privater Hand, sei es aus den Aktenschränken von Vereinen, Firmen oder Institutionen.
Vor kurzem erhielt das Archiv für seinen Sammlungsbestand ein Schreiben des Magistrats vom 4. Juli 1866, in dem die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Ratzeburg genehmigt wird.
Damit konnte die Freiwillige Feuerwehr Ratzeburg ihre Tätigkeit aufnehmen. Bis dahin war der Brandschutz Aufgabe aller Bürger gewesen. Verantwortlich für die Organisation und den Einsatz waren die sechs Feuergreven, deren Amt hohes Ansehen genoss. Sie kontrollierten die Gebäude, die Feuerstätten und alle Geräte und Vorrichtungen, die in jedem Haus zur Bekämpfung von Bränden vorhanden sein mussten.
Im 19. Jahrhundert erforderten neue Formen der Brandbekämpfung eine bessere Übung und Organisation der eingesetzten Kräfte. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland vielerorts Freiwillige Feuerwehren gegründet.
In Ratzeburg schlossen sich 1866 bereits 55 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr an, ihr erster Hauptmann war der Schornsteinfegermeister Broschmann, dem 1867 der Maurermeister Vollmar folgte.
Aus dem Hand- und Adressbuch von 1872 erfahren wir Folgendes über die Ausrüstung der Anfangsjahre:
„Die Feuer-Lösch-Anstalten der Stadt bestehen aus drei großen Spritzen, von denen die eine als Zubringer verwendet werden kann, nebst den dazu erforderlichen Schläuchen und sonstigen Apparaten; aus zwei kleineren Spritzen (Geschenk der Aachen-Münchener Feuerversicherungs-Gesellschaft) nebst Schläuchen und Apparaten; aus drei großen Wasserwagen, jeder mit zwei Fässern nebst Trichtern und Abzugsröhren; aus 113 ledernen und 46 blechernen Feuereimern; aus 7 hölzernen Handspritzen, 10 Feuerhaken, 9 Feuerleitern, 3 großen Wasserschleifen und sonstigen kleineren Utensilien. Im Verwahrsam der im Jahre 1866 sich neu und freiwillig constituierten Feuerwehr befindet sich eine, zum größten Theil von der Aachen-Münchener Feuerversicherungs-Gesellschaft der Stadt für diesen Verein geschenkte neue Feuer-Saug- und Druck-Spritze sammt dazu gehörigen Schläuchen und Apparaten; außerdem 6 Stück von der Feuerwehr selbst angeschaffte zweirädrige Wasserkufen und sonstige zweckmäßige Apparate.“
Was die Ausrüstung und die Mittel angeht, die für die vielfältigen Aufgaben der Feuerwehr zur Verfügung stehen, hat sich seit 1866 sehr viel verändert. Das Wesentliche aber hat nach wie vor Bestand: Seit über 150 Jahren leistet die Freiwillige Feuerwehr engagiert ihren Dienst für die Stadt und ihre Bewohner!
Archivale 02/2018 - Ruderakademie Ratzeburg - vor 50 Jahren feierlich eröffnet
Vor 50 Jahren, am 19. April 1968, wurde die Ruderakademie Ratzeburg (RAR) feierlich eröffnet. Dieses Jubiläum haben wir zum Anlass genommen, die Historie dieser Einrichtung einmal genauer zu betrachten.
Wenn man ganz exakt ist, beginnt alles vor ca. 15.000 Jahren mit der Weichsel-Kaltzeit. Durch das Abschmelzen des Gletschereises entstand der heutige Naturpark Lauenburgische Seen, zu dem auch der Ratzeburger See gehört. Durch das Aufschütten von Dämmen wurde das Seegebiet in den Großen Ratzeburger See, den Domsee sowie den Großen und Kleinen Küchensee aufgeteilt – ein ideales Zentrum für alle Wassersportler – insbesondere für Ruderer.
Karl Adam etabliert den Rudersport in Ratzeburg
Die Gründung der Lauenburgischen Gelehrtenschule im Jahr 1845 sowie der eigenen Ruderriege rund 40 Jahre später ebneten den Weg für den Rudersport in Ratzeburg. 1948 wurde mit der Anstellung von Karl Adam als Lehrer und Ruderprotektor an der Lauenburgischen Gelehrtenschule der Grundstein für die späteren sportlichen Erfolge gelegt. Der „Ruderprofessor“ revolutionierte mit seinen Trainingsmethoden den Rudersport und initiierte im Jahr 1953 die Gründung des Ratzeburger Ruderclubs (RRC). 1960 in Rom führte Adam den Deutschland-Achter mit fünf Ratzeburger Ruderern zum Olympiasieg. Vier Jahre später bei den Olympischen Spielen gewann das DRV-Flaggschiff unter seiner Leitung die Silbermedaille.
Diese sportlichen Erfolge sorgten für internationale Anerkennung und waren 1965 Auslöser für die Stadt Ratzeburg, das Land Schleswig-Holstein und den Bund mehr in die Sportförderung zu investieren. Auch der Deutsche Ruderverband erkannte in Ratzeburg einen optimalen Standort für eine Ruderakademie als Bundesleitungszentrum. Dank der Zonenrandlage konnte die Stadt als Eigentümer den Neubau mit hohen Landes- und Bundeszuschüssen finanzieren.
Modernisierung in den 90er Jahren
Während der dreijährigen Planungs- und Bauphase wurde zunächst ein provisorischer Lehrgangsbetrieb in Baracken am Großen Ratzeburger See aufgenommen. 1968 konnte der Neubau der RAR mit insgesamt 31 Betten eröffnet werden. Anfang der 90er Jahre wurde die Akademie mit den letzten Mitteln der Zonenrandförderung modernisiert. Die Verpflegung wird ausschließlich aus eigenen Ressourcen gestemmt. „Wir haben insgesamt acht Mitarbeiter in der Küche und im Housekeeping, die die Sportler und Seminarteilnehmer bestens versorgen und auf individuelle Bedürfnisse eingehen“, erklärt Reinhart Grahn, Leiter der Ruderakademie und Fachvorsitzender des Ressorts Bildung, Wissenschaft und Forschung.
A-Mannschaft bereitet sich in Ratzeburg vor
Nach der Wiedervereinigung kam der Skull-Bereich fest nach Ratzeburg. „Unter der Leitung von Lothar Trawiel nahm der in der Ruderakademie beheimatete Bundesstützpunkt Ratzeburg/Hamburg eine erfreulich positive Entwicklung“, erinnert sich Grahn. Im Jahr 2002 wurde das Sportinternat Ratzeburg in Trägerschaft des Olympiastützpunktes Hamburg/Schleswig-Holstein gegründet. Als Standort entschied man sich für die Ruderakademie, wo heute in der Regel zwischen sechs bis acht Nachwuchsathleten wohnen und trainieren. Am Wochenende und seit 2009 auch in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung vor Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen trainiert die A-Nationalmannschaft in Ratzeburg. Auch die U23 holt sich dort jedes Jahr vor dem Saisonhighlight den letzten Feinschliff für eine erfolgreiche WM-Teilnahme. „Leider können wir der U19-Nationalmannschaft kein passendes Zeitfenster für deren WM-Vorbereitung anbieten, da diese parallel zu der der U23 verläuft und die Ruderakademie somit in diesem Zeitraum immer ausgebucht ist“, so das Präsidiumsmitglied.
Mit Meike Evers-Rölver, Lauritz Schoof und Florian Mennigen hat Ratzeburg in den letzten zwei Jahrzehnten auch drei „eigene“ Olympiasieger hervorgebracht. Evers-Rölver gewann sowohl 2000 in Sydney als auch 2004 in Athen Gold im Frauen-Doppelvierer. Acht Jahre später in London wurde Florian mit dem Deutschland-Achter Olympiasieger, Lauritz ruderte mit dem Doppelvierer ebenfalls zu Gold. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio konnte Lauritz den Titel verteidigen. „Damit konnte die Tradition der Ratzeburger Golderfolge der 60er Jahre erfolgreich wieder aufgenommen werden“, erklärt Reinhart Grahn.
Schon früh wurde klar, dass neben dem hochleistungssportlichen Betrieb ein weiteres Standbein von Nöten sei. Deshalb sprach man schon damals davon, „die Ruderakademie als eine geistige Begegnungsstätte etablieren zu wollen“, erzählt Grahn. Der Bereich Bildung wurde über die Jahre hinweg immer weiter ausgebaut. Vor einigen Jahren wurde das DRV-Fachressort Bildung, Wissenschaft und Forschung schwerpunktmäßig nach Ratzeburg verlegt und mit einer hauptamtlichen Stelle eines Referenten Bildung versehen. Heute ist die Ruderakademie eine feste Institution für Weiterbildung und Seminare, die insbesondere in den Wintermonaten, in denen der Ruderbetrieb witterungsbedingt nur eingeschränkt stattfinden kann, für eine angemessene Auslastung sorgen.
Regelmäßiger Besuch von Ministerpräsidenten
Das Land Schleswig-Holstein weiß als finanzielle Zuwender die Arbeit der RAR sehr zu schätzen. Besuche der jeweiligen Ministerpräsidenten bestätigen dies. „Wir freuen uns immer wieder, wenn uns die Ministerpräsidenten einen Besuch abstatten und sich die Akademie anschauen“, so Grahn und ergänzt. „Wir sind das High-Performance-Center im echten Norden, Rudern ist hier oben ganz klar – gemessen an den olympischen Erfolgen - die Sportart Nummer eins.“
Ansprechpartner der Ruderakademie:
Reinhart Grahn – Leitung
Susanne Illmann – Verwaltung und Terminbuchungen
Angelika Stock – Leitung Hauswirtschaft
Andreas König – Referent für Bildung
Dirk Spierling – Hausmeister
Kay-Uwe Brodersen – Bootsmeister
Archivale 03/2018 - Die »Frage-Bibel« des Pastors Johann Cyriakus Höfer
Quiz-Shows aller Art beherrschen das Fernsehprogramm, und Quiz-Duelle auf dem Smartphone erfreuen sich großer Beliebtheit. Offenbar begeistern sich die Menschen für Frage-und-Antwort-Spiele aller Art. Das über 360 Jahre alte Buch, das wir hier näher vorstellen, zeigt, dass diese Faszination nicht nur eine Erscheinung der Gegenwart ist.
Der Autor Johann Cyriakus Höfer war evangelischer Pastor und Verfasser theologischer Schriften. Er stammte aus einer Pastorenfamilie und war um 1605 in Großwerther geboren worden. Während des Dreißigjährigen Krieges war Höfer nach Mecklenburg gelangt. 1623 nahm er sein sein Studium auf, das ihn nach Leipzig und Königsberg führte.
1639 gründete er eine Familie und wurde Pastor in Kalkhorst, im äußersten Nordwesten Mecklenburgs. Bis zu seinem Tod am 1. Februar 1667 blieb er in diesem Amt.
Von seinen theologischen Texten haben zwei größere Bedeutung erlangt. Das war zunächst sein Buch „Himmelsweg, das ist wie ein Kind in 24 Stunden lernen kann, wie es soll der Höll‘ entgehen und selig werden“, das einen ethisch-pädagogischen Anspruch verfolgte und in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu herausgegeben wurde.
Das zweite Buch, das weitere Verbreitung fand, war die „Frage-Bibel“. Höfer wollte damit eine didaktische Unterstützung für „Hausväter“, Lehrer und Studierende bieten. In seiner Einleitung berichtet der Autor, „daß die Jugend auff das Lesen der heiligen Bibel nicht sonderlich Achtung gebe / wenn sie nicht alsobald nach dem Lesen examiniert werde“.
Außerdem sei das „menschliche Gedächtniß viel zu wenig und schwach […] alles zu fassen / und zu behalten / was in derselbigen auffgezeichnet ist“.
Die „Frage-Bibel“ ist nach den Büchern der Bibel und deren Kapiteleinteilungen geordnet. Zu den jeweiligen Abschnitten werden die entsprechenden Fragen und Antworten aufgeführt. Höfer hat sein Buch so aufgebaut, dass „auch ein gar einfältiger Mensch solche leicht fassen und behalten / Rede und Antwort davon haben kann“. Daraus ergebe sich eine „Aufmunterung“, „damit wir das fürnembste […] behalten“. Denn die Bibel sei „unter allen Büchern / so unter der Sonnen zu finden / das aller herzlichste / köstlichste / nützlichste und tröstlichste Buch“.
In mecklenburgischen Kirchengemeinden wurde Höfers „Frage-Bibel“ zu einem Standardwerk im Konfirmandenunterricht.
Die Druckerei auf dem Ratzeburger Domhof, bei der das Buch gedruckt wurde, hat rund 150 Jahre bestanden. Gegründet wurde sie von dem Lübecker Bürger und Buchhändler Ulrich Wetstein, der 1662 durch den mecklenburgischen Herzog Christian das Privileg erhielt, in der Kapitelstube des ehemaligen Domherrenstiftes eine Druckerei zu betreiben.
Da Wetstein selbst kein Drucker war, sondern als Unternehmer und Verleger auftrat, stellte er den Drucker Niclas Nissen aus Schleswig ein, der den Betrieb führte, später in die Familie Wetstein einheiratete und 1669 sein Privileg erhielt. In der Druckerei auf dem Domhof wurden neben behördlichen Schreiben vor allem theologische Schriften gedruckt.
Niclas Nissen starb 1688. Seine Witwe führte die Druckerei zunächst drei Jahre allein weiter, ehe sie den Drucker Sigismund Hoffmann ehelichte. Bis 1811 hat der Betrieb auf dem Domhof existiert. Drei Jahre später wurde in der Stadt Ratzeburg die Freystatzkysche Druckerei gegründet, die bis in die 1950er Jahre existierte.
Archivale 04/2018 - 100 Jahre Frauenwahlrecht - ein Blick auf Ratzeburg
Das Jahr 1919 war quasi ein „Super-Wahljahr“ – innerhalb weniger Wochen standen für die Weimarer Nationalversammlung (19. Januar 1919), die verfassunggebende preußische Landesversammlung (26. Januar 1919) und die kommunalen Vertretungen an. Für alle drei Wahlen besaßen die Frauen erstmals das aktive und das passive Wahlrecht. Die Wählerinnen stellten darüber hinaus eine deutliche Mehrheit der Wahlberechtigten, denn 18 Mio. wahlberechtigten Männern standen 21 Mio. wahlberechtigte Frauen gegenüber.
Auch in der „Lauenburgischen Zeitung“ (LZ), die in Ratzeburg erschien, widmeten sich einige Artikel und Kommentare diesem Novum. „Die Frau im neuen Staate – Betrachtungen über das Frauenwahlrecht“ war der Leitartikel in der LZ am 7. Januar 1919 überschrieben. Der Autor war sich des Einflusses der Frauen bewusst: „Ihre Stimmen werden ausschlaggebend für die innerpolitische Zukunft des Reiches sein.“ Was das politische Bewusstsein der Frauen angeht, glaubte der Verfasser des Artikels zwischen sozialdemokratisch und bürgerlich geprägten Frauen unterscheiden zu können:
„Wie die Dinge nun einmal liegen, wird heute in bürgerlichen Kreisen die Frau mit dem Gatten, die Tochter mit dem Vater, die Braut mit dem Bräutigam stimmen. Was aber tut die große Masse der Alleinstehenden?“ – Der Kommentator vermutete: „Diejenige Partei, die der eigenen Lebensauffassung am nächsten kommt, wird sich die Frau anschließen, ihren Kandidaten die Stimme geben müssen.“ Der Autor schließt mit der Aufforderung an alle Wählerinnen, sich eingehend zu informieren, das Wahlrecht als „Wahlpflicht“ zu verstehen und sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein.
Dass dem Wahlverhalten der Frauen erhebliches Gewicht zukommen würde, war offenbar auch den Parteien klar, die ihre Wahlkampfaufrufe stets an alle „Wählerinnen und Wähler“ oder an die „Männer und Frauen“ richten (Beispiele: Annoncen der DDP und der DVP in der Ausgabe der LZ am 1. Januar 1919).
Direkt an die „Lauenburger Frauen und jungen Mädchen in Stadt und Land“ richtete sich der Wahlaufruf der DNVP (LZ am 10. Januar 1919), in der die Partei zur Mitarbeit aufruft und den Wählerinnen einschärft, dass in ihren Händen das „Schicksal Deutschlands“ liege – „Es geht um die Zukunft Eurer Kinder!“ Um diese Aufforderung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat die Partei an den Rand den Hinweis drucken lassen „Aufbewahren! Täglich lesen!“
Die Ortsgruppe Ratzeburg des parteilosen „Deutschen Frauenbundes“ weist in ihren Flugblättern die Wählerinnen auf die Pflichten hin, die „ihnen aus der Wahl zur Nationalversammlung erwachsen“. Während der Redner der DDP (LZ am 16. Januar 1919) „freudig den Eintritt der Frauen in den Wahlkampf begrüßt“ und hofft, dass „durch ihr Mitwirken ein neues sittliches Geschlecht herangezogen werde“, weist der SPD-Wahlkämpfer Heinrich Kürbis darauf hin, dass die anderen Parteien „allesamt noch im Januar 1918 Gegner des jetzt so schwer ins Gewicht fallenden Frauenstimmrechts gewesen“ seien (LZ am 18. Januar 1919).
In die Nationalversammlung wurden schließlich 37 Frauen (von 423 Abgeordneten) gewählt (19 MSPD, 3 USPD, 5 DDP, 6 Zentrum, 3 DNVP, 1 DVP), das sind 8,7% der Abgeordneten. Heute noch bekannte Namen sind Getrud Bäumer (DDP), Marie Juchacz (SPD, Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt) und Helene Weber (Zentrum, später CDU). Der Anteil der Frauen unter den Abgeordneten in der preußischen Landesversammlung war ähnlich: 26 von 401.
Die „Lauenburgische Zeitung“ nahm das Thema Frauenwahlrecht nach den Wahlen noch einmal auf – Unter der Titelzeile „Frauenstimmrecht überall – Wie es ward und wirkt“ konstatiert der Leitartikel, „durch die Teilnahme der Frauen an der Wahlhandlung“ hätten die Wahlen „ihr eigentliches Gepräge erhalten“. Das Frauenstimmrecht habe einen „sänftigenden, wohltätigen Einfluss auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens.“ Der Autor wirft einen Blick auf Länder, die auf eine längere Geschichte des Frauenstimmrechts zurückblicken konnten wie Wyoming (1869), Australien oder die skandinavischen Länder und schließt mit der Feststellung, dass dort das „Familienleben nicht durch politische Betätigung gelitten“ habe.
Ob sich diese Überzeugung schon verbreiten konnte, zeigt sich am besten an der politischen Betätigung in den kommunalen Vertretungen. Der bereits erwähnte „Deutsche Frauenbund“ bot am 12. Februar 1919 einen Vortragsabend zum Thema „Die Frau in der Gemeindevertretung“ an, mit der „ausgezeichneten Rednerin“ Martha Voß-Zietz (M. Voß-Zietz, 1871 in Hamburg geboren, hatte sich ursprünglich auf dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung für das Stimmrecht der Frauen engagiert, vertrat aber seit dem Ersten Weltkrieg zunehmend nationalistische Positionen und gehörte der Vaterlandspartei an. Von 1915 bis 1922 leitete sie den Verband der deutschen Hausfrauenvereine). Ein weiterer Vortrag des Frauenbundes rückte das Thema „Die Frau in Volkswirtschaft und Staat“ in den Mittelpunkt.
Die ersten Stadtverordnetenwahlen, bei denen Frauen das aktive und das passive Wahlrecht besaßen, fanden am 2. März 1919 statt. In Ratzeburg konnten sich die Wählerinnen und Wähler zwischen zwei bürgerlichen und einem sozialdemokratischen Wahlvorschlag entscheiden.
Die Sozialdemokraten hatten auf ihrer 18 Personen umfassenden Liste (“Liste Schwasta“) zwei Frauen aufgestellt, die Verkäuferin Marie Linke (Platz 2) aus der Seestraße 260 und die Ehefrau Else Böhmer (Platz 10) aus der Fischerstraße. Auf der Liste, die von Rektor Heinrich Grimm angeführt wurde, standen drei Kandidatinnen: Johanna Rohwedder, die Ehefrau des Medizinalrates Rohwedder aus der Langenbrücker Straße 161 a (Platz 2), die Pastorenfrau Auguste Stammer aus der Gr. Kreuzstr. (Platz 7) und die Lehrerin Elisabeth Dittmar aus der Bahnhofstraße (Platz 11). Die Liste des Seminarlehrers Berggreen wies nur eine Kandidatin auf, die auf dem 11. Listenplatz stand, die Ehefrau Minna Schlichting aus der Gr. Kreustr. 104. Beide bürgerlichen Listen umfassten jeweils 17 Personen.
Am Tag vor der Wahl erschien in der „Lauenburgischen Zeitung“ (1. März 1919) eine Anzeigen mit folgendem Wortlaut:
„An die Frauen. Herr Seminarlehrer Berggreen hat sich mehrmals gegen das Wahlrecht der Frauen ausgesprochen, und doch ist die Mitwirkung der Frauen in der Gemeindeverwaltung geradezu unentbehrlich. Keine Frau kann daher dem Wahlvorschlag Berggreen ihre Stimme geben. Dagegen wird die Frauenmitarbeit voll gesichert nur in dem Wahlvorschlag Rektor Heinrich Grimm. Ihm gehören alle Frauenstimmen.“
Bei der Wahl wurden insgesamt 1.593 Stimmen abgegeben. Die Liste Berggreen erhielt 586 Stimmen (7 Sitze), auf die Liste Grimm entfielen 531 Stimmen (6 Sitze) und für die sozialdemokratische Liste Schwasta stimmten 476 Wählerinnen und Wähler (5 Sitze).
Von 18 Stadtverordneten waren zwei Frauen: Johanna Rohwedder und Marie Linke. Nach der Chronik der Stadt (L. Hellwig, Chronik der Stadt Ratzeburg, 2. Aufl. Ratzeburg 1929, S. 121) sind allerdings beide Frauen vor dem Ende der Wahlperiode ausgeschieden und machten „männlichen Stadtvertretern Platz“.
Die hier gezeigten Plakate entstammen einer Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Jubiläumsjahr des Frauenwahlrechtes unter dem Titel „Frauen im Aufbruch – Politische Plakate“. Sie präsentiert Werbung um die politische Beteiligung der Frauen in den drei wichtigen demokratischen politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts… 1918/19 – „Die Einführung des Frauenwahlrechts“ … 1945/49 – „Trauer und Neuanfang“ … 1989/90 „Umbruch und Verstetigung“. Allgemeine Wahlaufrufe stehen dabei neben Werbeplakaten für verschiedene Parteien und Vereinigungen, an denen sich auch die Veränderungen des Rollenbildes der Frau im letzten Jahrhundert nachvollziehen lassen.

