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17.06.2020

"Klassenfoto mit Massenmörder" - Lesung mit Jürgen Gückel

Mit einer Lesung startet der Verein Miteinander leben e.V. zusammen mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Lübeck und der Ratzeburger Volkshochschule unter dem Titel ”ZUGÄNGE SCHAFFEN - Was weißt Du von jüdischem Leben und Antisemitismus heute?” ein Programm aus Vorträgen, Exkursionen und Kulturveranstaltungen, das auf das Thema ”Judentum und Antisemitismus heute” neugierig machen, informieren und auch sensibilisieren soll. Jürgen Gückel, mehrfach ausgezeichneter Gerichtsreporter, ist am 24. März 2020 um 19:00 Uhr zu Gast in der Stadtbücherei Ratzeburg, um aus seinem Buch "Klassenfoto mit Massenmörder" zu lesen und darüber ins Gespräch zu kommen. Dieser Einstiegsbeitrag wurde von den Organisatoren der Jahresreihe bewusst, auch wenn es sich vordergründig um eine eher historische Perspektive handelt.

Jürgen Gückel geht in seinem Buch einer Spur nach, einer Geschichte, die ihn seit der Schulzeit beschäftigt. Im August 1961 wird sein Klassenlehrer Walter Wilke unvermittelt aus dem Unterricht in der Dorfschule abgeholt und später in einem der ersten großen Prozesse über deutsche Verbrechen in Osteuropa verurteilt. In seinem kleinen Ort wird über die Sache nicht gesprochen. Später kehrt der Mann zurück und lebt bis zu seinem Tod 1989 zurückgezogen im Dorf. Seine Frau, mit der er über Jahre in Bigamie gelebt hatte, ist die beliebte Landärztin. Gückel rekonstruiert einen einzigartigen Lebensweg: „Walter“ war in Wahrheit Artur Wilke, der die Identität seines gefallenen Bruders angenommen hatte. Artur selbst war studierter Theologe und Archäologe, im Dritten Reich der SS beigetreten und nachweislich an Massenerschießungen von Juden beteiligt. Er galt als gefürchteter Partisanen-Jäger und wurde nach dem Krieg dann – Volksschullehrer. Sein Name ist mit grauenhaften Kriegsverbrechen verbunden, doch zur Rechenschaft gezogen wurde er für seine Taten im Partisanenkampf nie.

Das Buch zeichnet nicht nur eine spektakuläre deutsche Biografie im 20. Jahrhundert nach – die Entwicklung eines Intellektuellen zum Täter und die Verneinung jeglicher persönlicher Schuld, das Wegsehen der Gesellschaft. Es zeigt auch auf, wie schwierig das Erinnern ist, wie unterschiedlich Erlebtes bewertet wird und wie schwer die Erarbeitung historischer Wahrheit letztlich ist. Auch nach der Sichtung mehrerer zehntausend Seiten Gerichtsakten und anderer Dokumente bleiben scheinbar einfache Fragen offen. Genau in dieser Perspektive ist diese Lesung auch wieder hochaktuell, vielleicht sogar als Anstoß, einmal die eigene Familiengeschichte oder die Ortsgeschichte in diesem Sinne zu hinterfragen. Wie Gückel eindrucksvoll belegen kann, gibt es immer noch hochwirksame Schweigespiralen, die bis in die Gegenwart reichen und Wahrheiten verborgen halten.

Der Eintritt zur Lesung ist kostenfrei. Sie wird gefördert von der "Partnerschaft für Demokratie der Stadt Ratzeburg und des Amtes Lauenburgische Seen" im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!".

Jürgen Gückel

ist Journalist. Er war fast vier Jahrzehnte als Redakteur und Korrespondent für verschiedene Zeitungen tätig und arbeitete zuletzt 23 Jahre lang als Polizei- und Gerichtsreporter des Göttinger Tageblattes. Für seine Arbeiten ist er vielfach ausgezeichnet worden. Er deckte den Transplantations-Skandal am Universitäts-Klinikum Göttingen auf und wurde dafür zusammen mit Kolleginnen der Süddeutschen Zeitung und der Taz mit dem Wächterpreis des Verbandes der Deutschen Zeitungsverleger geehrt. Viermal wurde ihm der Alexander-Journalistenpreis zugesprochen, unter anderem für eine Serie und ein Buch über das Grenzdurchgangslager Friedland

Quelle: Stadt Ratzeburg