Archivalen 2015
Archivale 01/2015 - Otto von Bismarck
Reichskanzler Otto von Bismarck wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden. Grund genug, um in dieser Archivale auf den zweiten Ehrenbürger der Stadt Ratzeburg zurückzublicken.
In seiner Zeit als Minister für Lauenburg, in der Otto von Bismarck mit Augenmaß und politischem Geschick die Integration des Herzogtums in das Königreich Preußen betrieb, entwickelte sich eine Reihe privater Beziehungen Bismarcks zum Herzogtum Lauenburg. Da gab es zunächst private Kontakte zu lauenburgischen Gutsbesitzern. Wichtiger noch aber war die 1871 erfolgte Verleihung des Dotationsbesitzes im Amt Schwarzenbek und die Aufnahme dieses Besitzes in die landtagsfähigen Güter. Friedrichruh wurde nach der Entlassung Bismarcks dessen Altersruhesitz.
Die allgemeine Anerkennung Otto von Bismarcks in der Region wurde auch dadurch unterstrichen, dass ihm die Stadt Ratzeburg anlässlich seines 75. Geburtstages am 1. April 1890 „in Anbetracht seiner Verdienste um das Wohl der Stadt und ihrer Bewohner“ die Ehrenbürgerschaft verliehen. Im darauf folgenden Jahr wurde Bismarck als Abgeordneter der Großgrundbesitzer in den lauenburgischen Kreistag gewählt und besuchte am 30. November 1891 die Inselstadt erstmalig als Kreistagsabgeordneter.
„Die Nachricht von dem Besuche des Altreichskanzlers hatte in unserer Stadt, welche die huldvolle Gesinnung ihres großen Ehrenbürgers zu wiederholten Male erfahren, Freude und Jubel hervorgerufen und überall rüstete man sich, den Herzog von Lauenburg ehrenvoll zu empfangen.“ (zeitgenössischer Zeitungsbericht)
Bismarck traf mit einem Extrazug ein, gekleidet in der Uniform seines Kürassierregiments. Im Triumphzug wurde der Besucher durch die Stadt geleitet. Folgt man den Zeitungsberichten, waren Tausende gekommen, um dem Gast zuzujubeln und ein „Heil dem Fürsten Bismarck“ auszurufen. Zur Begrüßung durch Bürgermeister Hornbostel hatten auf dem Marktplatz die Angehörigen des Lehrerseminars, der Kriegerverein und die Schülerinnen und Schüler der städtischen Schulen sowie der Gelehrtenschule Aufstellung genommen. Der Seminarchor sang das Deutschlandlied und Bismarck äußerte sich, „daß er jetzt, seitdem er nicht mehr in Berlin, sondern in Friedrichsruhe wohne, ganz als Lauenburger fühle und an den Angelegenheiten des Kreises und seiner Bewohner regen Anteil nehme.“
Es gibt eine ganze Reihe von Anekdoten über die Begegnungen Bismarck mit den Menschen „aus dem einfachen Volk“. Eine solche Anekdote fehlt auch für Ratzeburg nicht. Ein 10-jähriges blondes Mädchen habe sich an Bismarck geklammert und dabei ausgerufen: „Nu hev ik di, Bismarck, un lat di nich wedder los!“
Der Stuhl, auf dem Bismarck gesessen hat, ist bis heute im Sitzungssaal des Alten Kreishauses zu sehen.
Archivale 02/2015 - Dramatische Rettung der Ratzeburger Brücken
Die Ereignisse jähren sich in diesem Jahr zum 70sten Male. Karl Saalfeld, anlässlich der 900-Jahrfeier 1962 zum Ehrenbürger Ratzeburgs gewählt, hat der Stadt lange Jahre als Bürgermeister und als Bürgervorsteher gedient. In seinen Erinnerungen hat er 1973 unter anderem die Vorgänge in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges geschildert. Hans-Georg Kaack, ehemals Kreisarchivar, zitiert in seinem Buch „Ratzeburg – Geschichte einer Inselstadt“ (Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1987) aus Saalfelds Erinnerungen (S. 385/386):
„Man glaubte, die Bevölkerung bis zur letzten Minute zum Widerstand aufrufen zu müssen, jede Stadt sollte eine Festung, jedes Dorf ein Widerstandsnest sein. So wurde Ratzeburg in Verteidigungszustand versetzt. .... In Ratzeburg selbst wurden Panzersperren in St. Georgsberg, auf dem Königsdamm und an den Hauptverkehrsstraßen gebaut, man glaubte damit den Vormarsch der feindlichen Panzer verhindern oder doch wenigstens verzögern zu können.
Die Brücken an der Demolierung und auf dem Königsdamm erhielten Sprengladungen. .... Ratzeburg scheint dem Untergang geweiht zu sein. Da gelingt es in letzter Minute, die Sprengung der Brücken zu verhindern. Ein Zeuge und Hauptbeteiligter, Direktor Franz Bender, gibt folgende Schilderung:
Sonnabend, 28.4.45, Soldaten graben die Kanalbrücke am Königsdamm auf. Der Führer der Pioniereinheit Feldwebel G. verweigert jede Auskunft, gibt aber später Vorbereitung zur Sprengung zu, erklärt, Befehl zu haben, beim Herannahen des ersten Panzers die Sprengung auszulösen. Trotz Hinweis auf die Unsinnigkeit und die Gefahren, die der mit Flüchtlingen und Verwundeten überbelegten Stadt drohen, lehnt er ab, die Sprengung zu unterlassen. Auch Angebote auf eine Zivilstellung und Zahlung einer großen Geldsumme stimmen ihn nicht um. Er beharrt auf seinem Befehl, der nur von seinem Vorgesetzten zurückgenommen werden kann. Zivile und militärische Dienststellen versuchen vergeblich, den Feldwebel zu überreden, von der Sprengung abzusehen.
Montag, 30.4.45: Nachmittags wird Brücke erneut aufgegraben. Erste Hoffnung schnell zerschlagen.- Gonschewski erklärt, neuen Befehl zu haben, Sprengladung zu verstärken. – Nach Erkundigung abends Sprengladung auf 300 kg Stabminen verstärkt. Wachposten verrät mir Lage von drei Abzugszündern und erklärt mir Funktion des Zünders. - Weitere Rücksprachen mit Landrat von Heintze, Major Hennecke und Ortsgruppenleiter Luze. - Feldwebel Gonschewski bleibt nach wie vor bei Ablehnung. –
Geschützfeuer deutlich zu hören. SS-Formationen – scheinbar junge Russen – gut ausgerüstet, alle mit Sturmgewehren oder Maschinenpistolen, ziehen durch die Stadt und bauen Stellungen in St. Georgsberg im Wald Lübecker Straße. Ich will selbst die mir bekannten Zündungen entfernen. – Beim Besuch der Gefahrenstelle werde ich spätabends von einer Streife der Waffen-SS angehalten. Trotz Ausweis und Hinweis, daß ich die bewachte Stelle betreten habe zwecks Verhütung von Störungen in der Wasserversorgung. – Sehr mißtrauisch. – Nachts nochmals Beratung mit Major Hennecke und Landrat von Heintze, zu der auch der hier im Lazarett liegende Oberleutnant d.R. G. Jankowsky (zur Zeit Leiter des städtischen Fremdenverkehrsamtes) hinzugezogen wurde. Major Hennecke will versuchen, erneut Verbindung mit Vorgesetzten von Gonschewski aufzunehmen. Befehlsstelle soll in Berkenthin stationiert sein. – ‘‘
An dieser Stelle sollen uns einige alte Fotos zurück führen in die Zeit am Ende des entsetzlichen Krieges und uns zeigen, unter welch grausamer Mühsal Menschen aus dem Osten unseres Vaterlandes sich im Winter 1944/45 auf den Weg nach Westen gemacht haben – und wie sich Ratzeburg zu Beginn des Frühjahrs 1945 zeigte mit Trecks und immer wieder Trecks!
Die schwarz-weiß-Aufnahmen zeigen im Gegensatz zu den schönen Farbbildern der alten Brücken (die beiden von der Königsdammbrücke hat übrigens Dr. Friedemann Roeßler aufgenommen.) den traurigen Ernst der damaligen Zeit deutlich.
Aber die Brücken sind die Zeugen in unserem Rückblick, also lassen wir Herrn Bender fortfahren:
"Dienstag, 1. Mai 1945: - Engländer haben Elbe überschritten. Major Hennecke kann Dienststelle des G. in Berkenthin nicht mehr erreichen. Erneut Besprechung mit G. Auch auf Hinweis, daß sein Vorgesetzter nicht mehr auffindbar, ändert er nicht seine Einstellung. Ich habe ihm Zivilkleidung vor Einmarsch der Engländer und rückdatierte Einstellung als Meister bei den Stadtwerken angeboten – nach kurzer Überlegungszeit lehnt G. erneut ab. – Ich mache nachmittags Major Hennecke den Vorschlag, G. in Haft zu nehmen und mir das andere zu überlassen. – Nach gemeinsamer Beratung steht der Plan. – Ich hole abends G. und seinen Vertreter, einen Unteroffizier, unter dem Vorwand, sein Vorgesetzter sei bei Landrat v. Heintze, zum Kreishaus. Im Zimmer des Landrats befinden sich der Landrat v. Heintze und Major Brennecke. Major Brennecke übergibt Gonschewski den schriftlichen Befehl, die Minen sofort ausbauen zu lassen. Nach kurzem Zögern lehnt G. erneut ab. Auf Klingelzeichen vom Landrat treten zwei Soldaten mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen ein und postieren sich neben G. und den Unteroffizier. G. erklärt: Ich muß der Gewalt weichen. – Major Hennecke fordert mich auf, das Weitere – wie besprochen – zu veranlassen. In Begleitung der Wache gehen wir zum Königsdamm, wo ich mir die Zünder aushändigen lasse und sofort in den Kanal werfe.
Mittwoch, 2.5.45: - Bei Tagesanbruch sind fast alle Minen ausgebaut und in der Garage der Stadtwerke gelagert. Die Gefahr ist beseitigt. – Vormittags erhalte ich von Kiel telefonisch das Stichwort, nach dem befehlsgemäß die Zerstörung der Werksanlagen durchgeführt werden soll. Ich rufe daraufhin Oberpräsident Vöge, Kiel, persönlich an und mache ihm davon Mitteilung, gleichzeitig von der ungeheuren Gefahr für die Bevölkerung, da Ratzeburg mit Flüchtlingen und Verwundeten vollgestopft ist. Obwohl Vöge scheinbar Verständnis hat für die Lage, gibt er ausweichende Antworten und sagt mir zum Schluß, daß ich selbst die Verantwortung für mein Tun tragen muß. Ich nehme die Kiste mit der Bombe und werfe sie in den See. – Am späten Nachmittag sind die Engländer in Ratzeburg.“
Soweit der Bericht. Dazu eine Anmerkung:
2. Die Stadtwerke waren damals noch in der Brauerstraße am Domsee zu Hause.
Die Archivale wurde zusammengestellt von Hans-Joachim Höhne.

