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Archivalen 2022

Archivale 01/2022 - Veranstaltungsplakat aus dem August 1949

Ein sehr gut erhaltenes und dazu sicher seltenes Exemplar konnte in diesem Jahr für die stadtgeschichtliche Sammlung des Stadtarchivs erworben werden. Es handelt sich um ein Plakat, das zu einer Veranstaltung auf dem Sportplatz an der Mechower Straße in Ratzeburg einlud.

Unter dem Motto „Ratzeburg in Flammen“ wurde den Besucherinnen und Besuchern am 19. August 1949 ein „Sensations-Groß-Feuerwerk“ geboten. Ein Zeitungsbericht über die Veranstaltung hat sich leider nicht mehr finden lassen. Den „Lübecker Nachrichten“ ist aber zu entnehmen, dass der Lübecker Veranstalter Erich Brockop kurz darauf auch in Mölln ein ähnlicher Spektakel (dort natürlich als „Mölln in Flammen“) ankündigte.

Beide Veranstaltungen wurden mit einem Blaskonzert einer „Möllner Berufsmusikertruppe“ eröffnet, bei dem neben den „Alten Kameraden“ und dem „Jäger aus Kurpfalz“ auch „Ouvertüren, Liedbearbeitungen und eigengeartete Charakterstücke“ zu hören waren. So berichten es zumindest die „Lübecker Nachrichten“.

Archivale 02/2022 - Das Denkmal im Hundebusch - Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71

Etwas versteckt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich befindet sich im Hundebusch an der Straße nach Seedorf ein Denkmal, das an den Deutsch-Französischen Krieg erinnert und das wir hier näher vorstellen möchten.

Der Deutsch-Französische Krieg und die Reichsgründung

Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Reich als kleindeutscher Nationalstaat unter Führung Preußens gegründet. Damit fand eine Entwicklung ihren Abschluss, die vor allem durch Otto von Bismarck zielstrebig und energisch vorangetrieben worden war. Wichtige Stationen auf diesem Weg waren die Kriege gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866), die Gründung des Norddeutschen Bundes (1867) und der Krieg gegen Frankreich (1870/71) gewesen.

Die Spannungen zwischen dem Kaiserreich Frankreich und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens wegen der spanischen Thronfolge hatten sich im Sommer 1870 soweit verschärft, dass Frankreich am 19. Juli 1870 dem Norddeutschen Bund den Krieg erklärte. Die süddeutschen Staaten traten auf der Grundlage der bestehenden Militärbündnisse an der Seite des Norddeutschen Bundes in den Krieg ein. Die Siege der verbündeten deutschen Staaten über die französischen Armeen im August und September 1870 brachten frühzeitig eine Entscheidung. Vor allem die Schlacht von Sedan (2. September 1870) gilt als entscheidend. Kaiser Napoléon III. ging bei Sedan in Gefangenschaft und es bildete sich in Frankreich eine provisorische nationale Regierung, die den Krieg zunächst fortsetzte.

Nach den militärischen Erfolgen führte Otto von Bismarck als Kanzler des Norddeutschen Bundes in den folgenden Monaten Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten, um die Gründung eines Deutschen Reichs vorzubereiten, die rasch zu einem erfolgreichen Abschluss führten. Verfassungsrechtlich bestand das Deutsche Reich seit dem 1. Januar 1871. Im Bewusstsein der Deutschen prägte sich allerdings ein anderes Datum ein: Der Tag der Kaiserproklamation im Schloss von Versailles am 18. Januar 1871.

Der deutsch-französische Krieg wurde noch einige Wochen fortgesetzt. Nach dem Fall der belagerten Hauptstadt Paris wurde im Februar 1871 der Vorfriede von Versailles geschlossen. Der Friedensschluss von Frankfurt am 10. Mai 1871 beendete den Krieg offiziell.

Gedenken an den Krieg

Im Bewusstsein der Zeitgenossen nahm der Deutsch-Französische Krieg einen hohen Stellenwert ein. In der Zeit des Kaiserreichs wurden die Jahrestage der Schlacht von Sedan und der Kaiserproklamation von Versailles besonders gefeiert und entwickelten sich zu wichtigen Bezugspunkten für die Identifikation mit dem neugegründeten Reich. Sichtbare Zeichen der damit verbundenen Erinnerungskultur waren Denkmäler und Gedenkstätten zur Erinnerung an die im Krieg gefallenen Soldaten. Auch die Pflanzung von Friedensbäumen sowie Straßenbenennungen nach Orten der entscheidenden Schlachten oder der militärischen Führer sollten die Erinnerung wachhalten (Sedanstraße in Ratzeburg). Beispiele für diese Erinnerungskultur lassen sich auch im Kreis Herzogtum Lauenburg finden.

In Ratzeburg als Garnison der „Lauenburgischen Jäger“ ist in besonderer Weise die militärische Tradition gepflegt worden. Das Lauenburgische Jägerbataillon Nr. 9, das 1866 während des Krieges zwischen Preußen und Österreich aufgestellt worden war, hatte im Krieg von 1870/71 im Einsatz gestanden und an der Schlacht von Gravelotte teilgenommen. Da die Teilnahme an dieser Schlacht von herausragender Bedeutung für die Bataillonsgeschichte gewesen war, wurde der Tag der Schlacht, der 18. August, zum Feiertag des Bataillons bestimmt. Zum 25-jährigen Bestehen des Lauenburgischen Jäger-Bataillons (24. Juni 1891) wurde das Bataillons-Denkmal im Hundebusch errichtet.

„Der Gedanke und Wunsch, die großen Siegetage des Krieges 1870/71 würdig zu feiern, ergriff immer weitere Kreise des ganzen Vaterlandes […] Das Bataillon hatte den Tag für diese Feier bestimmt, welcher für dasselbe im Kriege 1870/71 zum größten Ehrentage geworden war, den Tag von Gravelotte.“ [1]

Da der 18. August auf einen Sonntag fiel, entschied man sich für den 17. August, um die Feier zu veranstalten. Die Bataillonsgeschichte berichtet von der Einweihung des Denkmals:

„Die Feier des nächsten Tages, die in der Einweihung des […] Denkmals im Hundebusch gipfelte, war von früh an vom schönsten Wetter begünstigt. Es sollte dieses Denkmal ein sichtbares Zeichen der über das Grab hinausdauernden Liebe und Dankbarkeit sein, errichtet an jener Stätte, wo die Saat gesäet, die auf Frankreichs Gefilden zur Ernte reifen sollte. Dieses Denkmal war angeregt von dem damaligen Bataillonskommandeur Major von Bose, ebenso hatte dieser Mitkämpfer von Gravelotte den zeichnerischen Entwurf geliefert, während die Ausführung dem Bildhauer Pehle übertragen war, der zur Zeit dem Bataillon als Oberjäger angehörte.

Das Denkmal, welches also im eigentlichen Sinne ein Bataillonsdenkmal ist, besteht aus einer Steinpyramide, die von einem Bronzeadler gekrönt wird. In eine Seite ist eine Gedenktafel mit den Namen der während des deutsch-französischen Krieges gefallenen Bataillonskameraden eingelassen.“ [2]

[1] Weise, R.: Das Lauenburgische Jäger-Bataillon Nr. 9. Seine Geschichte und seine Garnisonen. Neudamm 1902, S. 66.

[2] Weise, R., S. 66.

Archivale 03/2022 - 175 Jahre Königsdamm

Über Jahrhunderte verband nur eine hölzerne Brücke die Insel mit dem östlichen Ufer des Sees. Genau genommen waren es im 14. Jahrhundert sogar zwei Brücken, die von der Insel nach Osten führten. 1322 werden beide Brücken erstmalig in einer Urkunde gemeinsam erwähnt. Die ältere dieser beiden Brücken, die in Richtung Dermin lief, wird wohl bald nach dieser urkundlichen Erwähnung abgebrochen oder verfallen sein. Jedenfalls blieb allein die nördlichere neuere Brücke erhalten, die ungefähr dort das Ostufer erreichte, wo heute der Bäker Weg beginnt.

Der Aufwand, die lange Holzbrücke zu unterhalten, war immens. Die Passage mit Frachtwagen dürfte auf dieser alten Brücke schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen sein. Erst 1588 wurde der Bau einer neuen Brücke beschlossen, die so breit sein sollte, dass „man [darüber] mit Wagen und Pferden fahren“ konnte. 1590 wurde der erste Pfahl für dieses Bauwerk eingerammt, am 24. Juli 1591 rollte der erste Wagen über die neue Brücke. Der Landesherr hatte sich mit beträchtlichen Holzlieferungen am Bau beteiligt und mit Hinweis auf die wirtschaftliche Bedeutung einer solchen Brückenverbindung wurden auch Zuschüsse benachbarter Fürsten eingeworben. Die Ratzeburger waren stolz auf ihre Brücke, die 600 Schritt (ca. 450 Meter) lang war und in den jährlichen Kämmereirechnungen als Eigentum der Stadt aufgeführt wurde. Die Brücke hatte zwei Klappen, die aufgezogen werden konnten, um damit die Überfahrt zu verhindern bzw. um den Schiffsverkehr durchzulassen. Um die laufende Unterhaltung zu finanzieren, wurde ein Brückengeld kassiert, das für Fuhrwerke und Reitpferde, nicht aber für Fußgänger zu zahlen war. Wer die Brücke häufig nutzte, zahlte eine Jahressumme für die Passage. Ein Ratzeburger Zimmermeister fungierte als „Brückenmacher“ – er war zuständig für Aufsicht und Reparaturen an der Holzbrücke. 

Als man in dänischer Zeit eine moderne Chaussee zwischen Hamburg und Schwerin plante, war für eine Holzbrücke kein Platz mehr. Die Brücke wurde im Zuge des Baus der Chaussee von Schwarzenbek nach Thurow durch einen Damm ersetzt, an dem von 1842 bis 1847 gebaut wurde. Da es sich nicht um ein städtisches Projekt handelte, sondern um eines der Regierung, gibt es in den Quellen im Stadtarchiv nur wenige Akten zu dieser gewaltigen Baumaßnahme. Der Akte 2908 „Durchführung eines Erddammes durch den hiesigen See“ ist zu entnehmen, dass die Arbeiten an diesem Damm schon bald nach dem Beginn wieder eingestellt werden mussten, da man befürchtete, dass die lange Brücke durch die Bautätigkeit gefährdet wurde. So ruhte der Bau seit Mai 1843 für anderthalb Jahre.

Erst im Frühjahr 1845 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen, wobei die Schüttung des Damms teils vom Land aus, teils mit Kähnen erfolgte. Zum Transport des erforderlichen Erdreichs war eigens eine „Schienenbahn“ angelegt worden. In der Akte ist auch von einer „Notbrücke“ die Rede, die vorübergehend als Verbindung zwischen der Insel und dem östlichen Seeufer diente. Hans Mau schreibt über den Dammbau in seinem „Häuserbuch“: „Die zur Aufschüttung des Dammes erforderlichen Erdmassen wurden dem Gelände der heutigen oberen Jägerstraße entnommen. In dem dadurch entstandenen sogenannten „Kessel“ wurde vom Turnverein ein Sportplatz und von der Feuerwehr ein Schlauchturm errichtet. Auch wurde der Platz für Aufmärsche und Kundgebungen fleißig genutzt. Durch die durch den Bau der Below-Kaserne freiwerdenden Erdmassen wurde der Kessel aufgefüllt und die jetzige Jägerstraße konnte gebaut werden. In den Jahren 1950-1952 wurden von dem damaligen Stadtbaumeister G. Kastl am Nord- und Südufer des Dammes Fußwege angelegt, welches sehr zur Verschönerung des Dammes beiträgt.“

Am 30. April 1847 werden die Bohlen und Balken der alten Brücke öffentlich versteigert. Ein Teil der alten Holzpfähle der Brücke befindet sich allerdings noch heute nördlich des Königsdamms im Wasser. Statt des früher zu zahlenden Brückengeldes wurde ab dem 1. August 1847 ein Dammgeld erhoben, wie der Bevölkerung am 30. Juni bekannt gemacht wurde. Als der dänische König Frederik VII. am 1. November 1854 die Stadt Ratzeburg besuchte, erhielt der Damm den Namen „Königsdamm“.

Bekanntmachung zur Erhebung eines Dammgeldes auf dem Königsdamm vom 30. Juni 1847


Quellen: 
Stadtarchiv Ratzeburg Akte 2908 „Durchführung eines Erddammes durch den hiesigen See“
Stadtarchiv Ratzeburg Akte 3763 „Erlegung des Dammgeldes nach Neubau des Dammes statt der langen Brücke“

Archivale 04/2022 - Kleingärten in Ratzeburg

Gärtnern liegt derzeit im Trend. Die Zahl der Kleingärten in Deutschland wird auf rund 900.000 geschätzt. Das bedeutet, dass Millionen Menschen diese Gärten in ihrer Freizeit nutzen. Viele von Ihnen sind in Kleingartenvereinen organisiert. Für die Ratzeburger Bürger hatte die Versorgung aus dem eigenen Garten seit jeher eine besondere Bedeutung. Für diejenigen, die nicht über eigenes Land verfügten, gab es „zwischen dem Schützenhof und der Ziethener Grenze [..,] die sogenannten Gartenländer, städtischer Grund und Boden, der in kleinen Parzellen an die Bürger verpachtet wird. Es ist die Gegend des […] Gehölzes Berkenbusch. Die Aufteilung zu Gartenländereien ist erfolgt zwischen 1754 und 1771 auf den Rat des damaligen Landdrosten von Alvensleben […]. Es sollte mit den Gartenländereien den geringeren Bürgern besonders gedient werden […]“ (L. Hellwig, Chronik der Stadt Ratzeburg, 1929, S. 41)

Vielleicht war die Stadt Ratzeburg unter diesem sozialen Aspekt eine Vorreiterin, denn Anfang des 19. Jahrhunderts kam in vielen Städten die Idee auf, sogenannte „Armengärten“ anzulegen, um Hunger und Verarmung entgegenzuwirken. Besondere Impulse erhielt die Kleingartenbewegung aber vor allem in den städtischen Ballungsgebieten ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit zunehmender Industrialisierung und Urbanisierung. Die Gartenbewegung reagierte auf die damit verbundenen sozialen Veränderungen und wollte einen Ausgleich für die belastenden Lebens- und Arbeitsbedingungen schaffen.

In den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Bedeutung der Kleingärten nochmals erheblich zu, was seinen Niederschlag im Gesetz über die „Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung“ vom 31. Juli 1919 fand. Damit wurde erstmals deutschlandweit ein einheitlicher gesetzlicher Rahmen für das Kleingartenwesen geschaffen. 1921 wurde der Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschlands gegründet. Auch im Kreis Herzogtum Lauenburg reagierte man auf die neuen gesetzlichen Regelungen zur Förderung des Kleingartenwesens. Der Kreis richtete ein Kleingartenamt ein und forderte von den örtlichen Behörden die Aufstellung von Verzeichnissen der vorhandenen Kleingärten (Stadtarchiv Ratzeburg Nr. 5566). In Ratzeburg war beabsichtigt, zum Herbst 1920 eine rund 7 Hektar große Ackerkoppel zusätzlich als Gemüse- und Kartoffelland anzulegen und die sogenannte 'Hospitalkoppel' als „Kleingärten von je 4 bis 500 qm“ zur Verfügung zu stellen, um die Nachfrage nach Gartenland zu decken. Dennoch blieb die Nachfrage zunächst größer als das Angebot. Eine statistische Übersicht vom 2. Juni 1924 nennt eine Zahl von 1015 vorhandenen Kleingärten in Ratzeburg auf einer Gesamtfläche von mehr als 56 Hektar.

In den folgenden Jahren änderte sich das Bild: Schon zwei Jahre später wurden nur noch 870 Kleingärten gemeldet, viele Gartenparzellen wurden wieder in Ackerkoppeln umgewandelt. Der „Landhunger“ habe sich mit der Stabilisierung der Währungsverhältnisse gelegt, heißt es in einer Vorlage: „Die Einwohner der Stadt können jetzt ihre Kartoffeln und Gemüse zu einem erschwinglichen Preis in den Geschäften erstehen, so dass viele ihre Gärten wieder abgeben oder nur unvollständig bewirtschaftet haben.“ Daher schaffte der Magistrat auch das 1920 eingeführte Losverfahren zur Vergabe der Gärten wieder ab, über das heftig diskutiert worden war. Jetzt wurden die Gärten wieder nach Höchstgebot verpachtet. In Ratzeburg existierte in den 1920er Jahren ein „Obst- und Gartenbauverein“ mit rund 100 Mitgliedern unter dem Vorsitz des Gendarmerieoberwachtmeisters Vogt vom Domhof. Nach einer Aktennotiz war die Vereinstätigkeit 1934 allerdings völlig zum Erliegen gekommen und der Verein sollte aufgelöst werden.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Kleingärten noch einmal eine erhebliche Rolle, um einen Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung zu leisten. In den meisten lauenburgischen Kommunen beschäftigten sich die Stadt- und Gemeindevertretungen mit der Anlage von Kleingärten, um vor allem den zahlreichen Flüchtlingen zu helfen. In Ratzeburg befasste sich der Magistrat am 26. September 1945 mit dem Thema. Ein verpachteter Acker am Ziegeleiweg, ein Ackerstück an der Bergstraße und ein von der Stadt selbst bewirtschaftetes Land auf der Demolierung sollten als Kleingärten in Parzellen aufgeteilt werden. Allen Gartenpächter mit mehreren Parzellen sollte nur noch ein Stück Gartenland bleiben.

In Schleswig-Holstein wurde der private Gemüse- und Obstanbau durch den sogenannten Kleingartenerlass von 1946 gefördert, d.h. den gesetzlichen Anspruch jeden Haushalts auf Kleingartenland: „Infolgedessen erhöhte sich die Anzahl der Kleingärten im Kreis von 3600 (1945) auf 17.993 (1948). Statistisch gesehen konnte fast jeder achte Kreisbewohner Gemüse im eigenen Garten anbauen und damit seinen Speiseplan ergänzen.“ (E. Opitz, Herzogtum Lauenburg, 2003, S. 460)

Archivale 05/2022 - Gaststätten und Ausflugslokale rundum Ratzeburg

Die fortschreitende Industrialisierung und das Anwachsen der Städte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten das Arbeitsleben entscheidend und ließen viele Menschen nach einem Ausgleich für den anstrengenden und oft monotonen Alltag suchen. Gleichzeitig erhöhte der Bau von Eisenbahnlinien die Mobilität der Menschen. Mit dem Zug war es möglich geworden, am Wochenende rasch hinaus „ins Grüne“ zu fahren, Spaziergänge zu unternehmen und die Natur zu genießen. Ratzeburg und Mölln wurden beliebte Ausflugsziele.

Im Jahr 1866 erschien in Berlin Otto Glagaus Buch „Spaziergänge durch Lauenburg und Lübeck“. Der Verfasser pries das „Ländchen“ als „verstecktes Paradies“ und prophezeite, die Schönheiten der Region „werden voraussichtlich im Laufe der nächsten Sommer Tausende von Vergnügungsreisenden hinlocken“.

Besonders zu Himmelfahrt und Pfingsten unternahmen nicht nur Familien, sondern auch viele Vereine Ausflugstouren ins Lauenburgische. Rundum Ratzeburg etablierten sich zahlreiche Ausflugslokale, die ihren Gästen die Möglichkeit zur Stärkung und Erfrischung boten.

Einige dieser Gaststätten möchten wir im Folgenden anhand von historischen Postkarten und kurzen Texten aus alten Reiseführern vorstellen.

„Zum grünen Jäger“ (Bahnhofsallee 6/8)

Die Gaststätte, die an der alten Wegführung nach Lübeck lag, konnte auf eine lange Geschichte als Kirchspielkrug zurückblicken. Hier konnten die ländlichen Kirchgänger am Sonntag nach dem Besuch des Gottesdienstes auf dem St. Georgsberg ihren Frühschoppen genießen. Das Anwesen verfügte über große Ausspannräume für Pferdefuhrwerke. Vor dem Ersten Weltkrieg bot das „Sommer-Etablissement mit Fremdenpension“ Unterkunft für 3,50 bis 4,40 Mark pro Person.

„Gasthof zum Zoll“ (Möllner Straße)

An der Einmündung der Möllner Straße in den Lüneburger Damm lag der „Gasthof zum Zoll“. Hier an der Zufahrt zum St. Georgsberg hatte sich einst die Hebestelle für den städtischen Zoll befunden. Café und Konditorei Strauss (das spätere „Gasthaus Zum Alten Zoll“) warben „mit großem, schattigem Garten, Fremdenzimmern, Kegelbahn und Ausspann“ und hielten sich „Logiergästen, Klubs und Vereinen bestens empfohlen“ [Anzeige 1906]. Am 14. Juni 1980 brannte der Anbau komplett nieder. Das wegen der neuen Verkehrsführung zum Abriss bestimmte Gebäude wurde schwer beschädigt.


„Zum Weinberg“ (Möllner Straße)

Weiter oberhalb an der Möllner Straße lag die Gaststätte „Zum Weinberg“ mit einer heute nicht mehr vorhandenen Veranda. Es handelte sich zu Beginn des 20. Jahrhundert um ein „ländliches Gasthaus mit einer seit Jahren beliebten und immer vollbesetzten Pension für Sommergäste“ mit „Terrassengarten, Salon, Kegelbahn und stündlichen Motorbootanschlüssen nach Farchau, Waldesruh und Ratzeburg auf dem von Buchenwald umkränzten Küchensee“.

„Kurhotel Bellevue“ (Möllner Straße)

Das „Kurhotel Bellevue“ bot „Zimmer mit bester Ausstattung, Gesellschaftsräume, große[n] Saal und Terrassengarten […] mit lauschigen Plätzen, Grotten und Zelten“: Diese „noble Pension am Eingang zum Wanderweg nach Farchau“ wies besonders auf den „überwältigend schönen Anblick“ vom terrassenförmig angelegten Garten hin. Für die mit dem Auto anreisenden Gäste hielt das Kurhotel eine eigene Tankstelle und eine Garage (einen „Automobilraum“) vor.

„Farchauer Mühle“

Die Mühlengeschichte reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück, 1850 erhielt der Müller Joh. Friedrich Schlichting erstmals eine Schankerlaubnis. Nach einem Brand, bei dem das Wohnhaus völlig zerstört wurde, blieb das Mühlengebäude verschont, wurde zur Gastwirtschaf umgebaut und etablierte sich als beliebtes Ausflugslokal. Eine Annonce warb: Die „Farchauer Mühle“ „…liegt zwar nicht im Walde, ist aber eins der reizendsten Plätzchen für Leute, die einmal ganz Landeinsamkeit haben wollen und dabei nicht auf äußeren Komfort Gewicht legen. Die Pension ist einfach und gut, doch wird nur eine beschränkte Anzahl Gäste Aufnahme finden können. Der ländliche Garten bietet viele lauschige Plätze mit Ausblicken auf den See. Für Kinder hat Farchau eine besondere Anziehungskraft durch die in dem Garten angebrachten Spielvorrichtungen, wie Schaukeln, Turngeräte, Ring- und Kegelspiele.“

„Waldesruh“

Besonders der Gedenkstein am „Lieblingsplatz“ Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke (1800-1891) zeichnete die Gaststätte gegenüber ihren Mitbewerberinnen aus: „…unbezahlbar aber ist der unausgesetzte Aufenthalt in der kräftigenden, nervenstärkenden Luft. Würziger Waldesduft, ozonreiche und erfrischende Seeluft, abwechslungsreiche Aussicht über den See, auf die Stadt und Vororte und wohltuende, tiefste Waldeinsamkeit, alles das vereinigt sich hier und wetteifert miteinander, den Aufenthalt in Waldesruh zu einem idealen zu gestalten.“ – Es gab eine Anlegestelle für Ausflugsboote, eine „Badeanstalt und Gelegenheit, den Angelsport auszuüben.


„Ratzeburger Schweiz“

Die ‚Ratzeburger Schweiz‘ war ein auf dem Dermin gelegenes Gartenrestaurant mit Fremdenpension. Es lag oberhalb des Gutshauses Dermin. Wegen der verkehrsfernen Lage wurde es wenig aufgesucht, und im Jahre 1912 vernichtete ein Großfeuer das Anwesen.

 Schützenhof (Am Steindamm)

Auf dem Schützenhofgelände befand sich die Schießbahn der Schützengilde, die vor dem Bau des Gildehauses an der Mechower Straße hier ihre Feste feierte. Ein „schöner, schattiger Garten, sehr geschützt, inmitten des Gehölzes, an dem terrassenförmig sich aufbauenden Seeufer“ zeichnete das Lokal aus. Hier konnten 1000 Personen Platz finden. Der „Schützenhof“ bot zwar keine nennenswerte Aussicht, „desto lohnender ist aber die Einsicht in des Schützenwirtes Küche und seinen, auch dem verwöhntesten Gaste genügenden Weinkeller. Seit langen Jahren genießt der Schützenhof mit Recht den Ruf, die vorzüglichste Hamburger Küche zu führen.“


„Dölles Gasthof“ (Bäker Weg)

Dölles Gasthof lag am Beginn des Bäker Weges (am Platz der alten Malzmühle) „Damals gibt es auch den großen Tanzsaal bereits, der auf dem Grundstück hinter dem Jägerdenkmal am Anfang der Jägerstraße seinen Standort hat, heute aber schon lange durch ein Wohnhaus verdrängt ist.“ (Kaack, 750 Jahre Vorstadt-Dermin)

Archivale 06/2022 - Aqua Siwa - Richtfest vor 50 Jahren

Ein etwas kurioses Objekt aus dem Archivbestand stellen wir in diesem Monat vor. Es handelt sich um eine Konservendose mit Wasser aus dem Aqua Siwa, dem Mineralwasser-Hallenbad, dessen Richtfest vor 50 Jahren, am 1. November 1972 gefeiert werden konnte. Zahlreiche Ehrengäste nahmen an der Richtfeier für die erste Schwimmhalle im Kreis Herzogtum Lauenburg teil. Auch wenn Zuschüsse von Bund, Land und Kreis erheblich zur Finanzierung beitrugen, hatte das Projekt „den Finanzhaushalt der Stadt bis an die äußerste Grenze strapaziert“, wie Bürgermeister Dr. Peter Schmidt in seiner kurzen Ansprache betonte.

In unserem Rückblick wollen wir zeigen, welche Bedeutung die Schwimmhalle für die Entwicklung Ratzeburgs hatte. Mit der staatlichen Anerkennung der Stadt als Luftkurort durch die Landesregierung am 5. Juni 1967 schlug der Wirtschaftsförderungsausschuss weitere Maßnahmen vor. Die Kurortentwicklung wurde in enger Verbindung mit der Sanierungsplanung gesehen. Nach dem Sanierungsplan für die Stadtinsel sollte der Südteil der Insel dem Tourismus vorbehalten sein: “Der Südstrand der Insel soll zu einem Kurbereich ausgebaut werden, der das Bewegungsbad, ein Kurmittelhaus (Haus des Kurgastes) und Promenadenwege umfasst, während der Kurbetrieb nach Ohlstädter Muster am Röpersberg durchgeführt werden soll.”

In den Mittelpunkt der Planungen rückte immer mehr die Errichtung eines Schwimmbades. Schon bei den vorbereitenden Gesprächen war das Vorhandensein eines Schwimmbades als “unerlässlich” bezeichnet worden. Ein Förderverein unterstützte die Vorbereitungen und die Finanzierung. Am 15. Mai 1971, dem Tag der Einweihung des neuen Kurparks, erfolgte der erste Spatenstich. Am 19. Oktober 1973 wurde das neue Bad, das von den Planern und Architekten Rudolf und Ingeborg Geier für 5,2 Mio. DM errichtet worden war, nach rund 14-monatiger Bauzeit der Öffentlichkeit übergeben. Ingeborg Geier hob in ihrer Ansprache zur Eröffnung hervor, „dass Ratzeburg mit dieser Schwimmhalle zukunftsorientiert und entwicklungskonform gehandelt habe. Die Zukunft werde den Skeptikern beweisen, dass die Investitionen nutzbringend angewandt seien.“


Um einen Namen für das neue Bad zu finden, wurde ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben. Unter den 300 eingereichten Vorschlägen zählten die Bezeichnungen „Inselbad“ und „Panoramabad“ mit zu den Favoriten. Letztlich fiel die Entscheidung auf den Vorschlag „Aqua Siwa“, der von Herbert Höpfner eingereicht worden war. 

Die eingangs erwähnte Dose mit dem Schwimmbadwasser trägt die Aufschrift „Löst selbst hartnäckigen Schmutz schonend und pflegend.“ – „Testvorschlag: Bei Zimmertemperatur ein Handbad nehmen. Sie merken sofort, wie rein und frisch ihre Hand wird. Das was Sie mit Ihrer Hand erreichen, erreichen Sie im Aqua Siwa mit dem ganzen Körper.“ Die Dosen wurden in der Vorweihnachtszeit 1977 auf dem Basar der Aktionsgemeinschaft Ratzeburg angeboten, an dem sich auch der Bürgerverein mit einem Informationsstand beteiligte. Der Bürgerverein wollte mit dieser Verkaufsaktion auf das „schöne Hallenschwimmbad aufmerksam machen.“