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21.07.2020

Archivale 02/2020 - Protokolle der städtischen Gremien aus dem Jahr 1945

In der Reihe „Archivale des Monats“ werden seit 2009 ausgewählte Stücke aus dem Stadtarchiv Ratzeburg vorgestellt. Ein Archivale (Plural: „Archivalien“) ist eine im Archiv aufbewahrte Unterlage. Archivalien sind Unikate (Einzelstücke), sie sind als Originale also nur einmal vorhanden.


Das Stadtarchiv Ratzeburg bewahrt neben solchen Archivalien im engeren Sinne allerdings auch andere Zeugnisse aus der Vergangenheit der Stadt auf. So befinden sich in der Archivbibliothek und im Sammlungsbestand zahlreiche interessante Stücke, die ebenfalls in dieser Reihe präsentiert werden. Ergänzt wird diese Reihe durch Beiträge geschichtsinteressierter Bürger, die eigene Bilder, Dokumente oder Erinnerungen beisteuern können.

Das Stadtarchiv Ratzeburg möchte auf diesem Wege möglichst vielen Interessierten besondere Einblicke in den Archivbestand ermöglichen und gleichzeitig, Anregungen zu eigener Beschäftigung mit der Geschichte unserer Stadt geben.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes bietet wirft Stadtarchivar Christian Lopau einen Blick in den Protokollband, der die Niederschriften der politischen Gremien der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg enthält. Der Fokus ist das Jahr 1945...

"Protokolle der städtischen Gremien aus dem Jahr 1945"

Im Stadtarchiv Ratzeburg liegt ein Protokollband, der die Niederschriften der politischen Gremien der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg enthält. Anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes bietet unser „Archivale des Monats“ einen Blick in diese Protokolle.

Am 2. Mai 1945 besetzten alliierte Truppen kampflos die Stadt Ratzeburg und erreichten an diesem Tag auch die Hansestadt Lübeck. Für die Bevölkerung war damit der Krieg vorbei. Ratzeburg hatte die Kriegsjahre ohne Zerstörungen überstanden, aber obwohl die unmittelbare Bedrohung durch Kampfhandlungen, Tieffliegerangriffe oder Terror letzter fanatischer Einheiten ein Ende gefunden hatte, bestimmten doch zahlreiche Ängste, Sorgen und Nöte die kommenden Monate und Wochen.

Das Land stand mit dem Ende des Krieges unter Besatzungsrecht. Ein Vertreter der britischen Militärregierung hatte seinen Sitz in Ratzeburg. Die bisherigen Gremien der Stadt wurden aufgelöst. Als Kommissarischer Bürgermeister wurde Karl Kiesewetter eingesetzt, der weitere sieben Magistratsmitglieder ernannte.

Dieser neu zusammengesetzte Magistrat kam am 23. Mai 1945 zu seiner ersten Sitzung zusammen. Am 22. August 1945 wurde bekannt gegeben, dass dieses Gremium erweitert werden sollte.  In der neuen Zusammensetzung kam diese Stadtvertretung, die als „Gemeinderat“ bezeichnet wurde, am 26. Oktober 1945 erstmalig zusammen. Die Mitglieder wurden „durch Handschlag zu gewissenhafter Amtsführung und verantwortungsvollen Mitarbeit verpflichtet.“

Neben dem Kommissarischen Bürgermeister Kiesewetter gehörten diesem Gemeinderat die Beigeordneten Hans Ellerbrook, Henry Langbehn, Georg Kähler und Heinrich Schwasta sowie die Ratsherren Karl Burmeister, Joachim Burmester, Friedrich Gehrken, Johannes Hochenauer, Wilhelm Holst, Friedrich Stoohs und Ernst Voigt an. Als erste Gemeinderätin wurde Frau Rickert berufen.

Gemäß einer Weisung des Landrates sollten Beigeordnete und Gemeindevertreter „zur verstärkten Mitarbeit in der Stadtverwaltung herangezogen werden.“ Nach einer Anweisung der Militärregierung hatte diese Gemeindevertretung „nur Verwaltungsaufgaben zu erfüllen […], jede politische Betätigung sei untersagt.“

Die Hauptprobleme, die sich in den ersten Monaten und Jahren stellten, betrafen die Ernährung, Unterbringung und Beschäftigung der Menschen in der Stadt. Es ging darum, das tägliche Leben wieder in Gang zu bringen. Auf der Tagesordnung standen neben der Entlassung offenbar belasteter Personen vor allem Anträge auf Konzessionen zur (Wieder-) Eröffnung von Geschäften und Betrieben, auf Zuteilung von Lebensmitteln und Baustoffen und Personalangelegenheiten der Verwaltung.

Der Gemeinderat befasste sich aber auch schon mit einer Neugestaltung des Marktplatzes, nachdem das Denkmal Kaiser Wilhelm I. eingeschmolzen und der Sockel abgerissen war. Auch einen Weihnachtsbaum sollte es 1945 wieder auf dem Marktplatz geben.

Am 28. Dezember 1945 wurde eine vorläufige Verfassung für die Stadt, ergänzt durch eine Geschäftsordnung, verabschiedet, nach der es künftig 21 Gemeindevertreter geben sollte. Die ersten Wahlen auf kommunaler Ebene wurden dann am 15. September 1946 abgehalten.

Quelle: Stadt Ratzeburg